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Das Schweigen der Insekten

Ich bin empört!

Da geht in diesen Tagen die Nachricht durch die Presse, dass 75% der Insekten in Europa weg sind. Was für eine erschreckende Entwicklung! Klar, eher eine relativ leise Nachricht. Anders als die lauten Schreckensnachrichten, die ebenfalls täglich hier einfallen und uns auf Trab halten.

Aber auch eine leise Nachricht kann eine Todesnachricht sein. Die Erde heult nicht laut auf, wenn sie stirbt. Sie stirbt leise.

Man merkt es vor allem daran, dass es so still geworden ist, im Sommer, draußen auf der Terrasse. Nichts brummt mehr. Und die Frontscheiben meines Autos sind so sauber. Schon seit ein paar Jahren bemerke ich das. Nahezu klinisch rein, möchte man sagen.

Die Insekten sterben uns weg! Und in der Folge dann die Vögel? Und irgendwann die Ernte, weil niemand mehr zum Bestäuben da ist?

Oder reiben sich die Konzerne schon fröhlich die Hände, weil sie den Bauern dann endlich ihre teuren künstlichen Befruchtungsmethoden verkaufen können? Um aus der Not Profit zu schlagen, wie so oft?

Die Insekten sterben. Weil sie ausgerottet werden. Durch das Gift auf den Feldern. Durch die Monokulturen. Durch die Methoden der konventionellen Landwirtschaft. Durch den Bauboom, der von keiner Wiese halt macht.

Apropos Wiese: Die letzten großen Wiesen in Europa habe ich ja gesehen, als ich im Sommer 2002 eine Reise durch Böhmen machte. Ist lange her. Mein Gott, war das schön!

Und was sagt die Agrarlobby zum Insektensterben?

Was sagen die Chemiekonzerne?

„Unser Gift war´s nicht.“

Solange es noch nicht hundertprozentig erwiesen ist, dass es doch dieses Gift ist, dass erst die Tiere und dann die Menschen vergiftet. Solange das nicht hundertprozentig durch langjährige und völlig korrekte, unangreifbare Studien bewiesen ist, gilt: Im Zweifel für den Angeklagten.

War´s das Klima? Der Klimawandel?

Noch viel schwieriger zu belegen. Aber eine gute Möglichkeit, vom Giftskandal eines Chemiekonzerns abzulenken, der uns gerade umtreibt.

Die Sache ist: Bis zum hundertprozentigen Beweis ist es zu spät. Dann gibt es vielleicht gar keine Insekten mehr! Und keine nicht verseuchten Felder. Und auch keinen Weg zurück!

Und ich bin sicher: Dann werden die hochrangigen Verantwortlichen Möglichkeiten finden, sich aus der Affäre zu ziehen und mit einem gehörigen finanziellen Gewinn aus der Sache rauszukommen.

Denken Machthabende vielleicht: „Naja, wenn die Welt untergeht – egal. Mich und meine Kinder wird es nicht treffen. Denn wir sind die finanzstarke Elite. Für uns wird schon gesorgt sein.“

Ich bin empört!

Und ich bin auch empört darüber, dass die so genannten Grünen in der Politik nicht auf die Barrikaden steigen. Nicht lauter ihre Stimme erheben.

Warum schweigt ihr? Weil ihr um eure Macht bangt? Weil ihr euch duckt vor den anderen? Weil ihr zum Establishment gehören wollt? Weil ihr um jeden Preis regieren wollt? Auch um den Preis der Preisgabe eurer Ziele und Werte? Oder mangelt es euch an guten Ideen?

Hier wären ein paar:

  • Stoppt den Einsatz von Gift auf unseren Feldern. Es geht auch anders.
  • Hebt die Mehrwertsteuer auf alle Lebensmittel an, und unterstützt mit dem Geld direkt die ökologische Landwirtschaft, besonders die klein- und mittelständischen ökologisch arbeitenden Landwirte und Landwirtinnen.
  • Ändert den Lehrplan an den Schulen: Ökosysteme, Alternative Energien, Umweltschutz und ökologische Landwirtschaft. Und nicht nur einmal pro Schulkarriere. Nicht nur am Rande.

Wenn Deutschland das Vorzeigeland in Sachen Umweltschutz und Klimaschutz sein will, muss dieses Signal noch viel stärker an den Schulen sichtbar werden. Denn dort werden die Politikerinnen und Politiker, die Geschäftsleute und Forschenden, die Landwirtinnen und Landwirte von morgen ausgebildet. Und diese sollten doch ökologisch denken und arbeiten, oder?

In jungen Jahren werden die entscheidenden Grundlagen gelegt für das, was ein Mensch liebt, was ihm wertvoll und teuer ist. Was er schützen wird, wenn er groß ist.

„Das geht alles nicht“, mögen manche jetzt sagen.

Ja, manches geht vielleicht nicht so einfach, wie ich es mir vorstelle.

Aber andererseits…

Meine Tochter zitierte heute Morgen am Frühstückstisch folgenden Spruch:

„Das geht nicht“, sagten die Leute.

Bis einer kam, der das nicht wusste.

Und es einfach tat.

***

Jetzt sterben die Insekten. Ja, es sind nur Insekten. Es sind keine Menschen.

Aber ich bin sicher, der legendäre Häuptling Seattle hatte Recht, als er sagte: „Was immer den Tieren geschieht, geschieht bald auch den Menschen.“

Wir sind Teil dieser Erde. Nicht ihr Beherrscher und Bezwinger. Wir werden nicht überleben, wenn die Erde tot ist. Wir sind Kinder dieser Erde. Ein Teil von ihr. Und zwar der Klügste, sollte man meinen. Oder nicht?

Es ist ein Warnsignal. Noch kann das Ruder herum gerissen werden. Aber in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr. Und wenn es dann keine gesunden Felder mehr gibt und keine natürliche Insekten-Befruchtung, und wenn keine Apfelbäume mehr auf wilden Wiesen wachsen, dann will ich von der Politik nicht diesen Satz hören: „Darauf waren wir nicht vorbereitet!“

Es ist eure Aufgabe, vorbereitet zu sein. Vorauszublicken. Es ist eure Aufgabe, das Land zu führen. Die Gesellschaft zu führen. In eine gute Zukunft.

Für mich persönlich gehört zu einer guten Zukunft das Brummen von Insekten im Sommer auf der Terrasse. Zu einer guten Zukunft gehören für mich und für meine Kinder das Grillenzirpen am Abend und der Vogelgesang schon am frühen Morgen. Auch das Krabbeln der Kellerasseln unterm Blumentopf gehört dazu. Und die Ameisenstraßen gehören auch dazu. Und die Schmetterlingswiesen.

Und ein Apfel, dessen Blüte durch eine wilde Biene befruchtet worden ist.

Also: Lasst uns tun, was zu tun ist.

Was würde Jesus zu Schweini, Poldi & Co. sagen

(Predigt bei „GoSpecial“ – dem modernen Gottesdienst für Kirchendistanzierte, anlässlich der EM 2008)

Als ein Bekannter hörte, dass ich heute predigen würde, sagte er: „Was soll denn das?! Eine Frau predigt zum Thema Fußball – wo kommen wir denn da hin?! Ich trete aus der Kirche aus.“ Dazu kommt noch, dass ich kein eingefleischter Fußballfan bin, ich lasse mich vom EM-Fieber zwar ein wenig aufwärmen – anheizen wäre aber zu viel gesagt.

Die EM 2008 hat begonnen, und es werden in unserem Land wieder Millionen und Abermillionen Menschen vor Fernsehern und Leinwänden sitzen und mit unseren Jungs mitfiebern. Der DFB (Deutscher Fußballverband – für die, die´s nicht wissen, das aber nicht zugeben wollen) hat inzwischen mehr als sechseinhalb Millionen Mitglieder! Steigende Tendenz, was man von anderen großen Organisationen wie den beiden großen Kirchen oder der deutschen Gesamtbevölkerung zurzeit nicht behaupten kann. Für die unter uns, denen Fußball ein Rätsel ist, will ich mal an unserem geliebten Heimatverein, der Eintracht, deutlich machen, was Fußballfieber eigentlich bedeutet. Da die Eintracht die beste Mannschaft Deutschlands ist, ist sie auch repräsentativ.

In der letzten Saison kamen pro Spiel durchschnittlich 48.000 Zuschauer ins Waldstadion (bei echten Fans heißt die Commerzbank Arena ja immer noch Waldstadion) – davon 26.000 Dauerkartenbesitzer. Diese Zahl wurde künstlich nach unten festgesetzt, damit Nichtdauerkartenbesitzer überhaupt noch eine Chance haben, sich ein Spiel anzuschauen.

Warum das? Ich meine, entweder friert man sich im Stadion zu Tode, oder man schwitzt wie in der Sauna, es ist sehr laut, die meisten Männer stinken nach Schweiß oder Bier, und den Spielverlauf kann man vor dem Fernseher viel besser verfolgen. Schon allein die Anreise mit der Straßenbahn durch den Stadtwald, gedrängt wie die Ölsardinen… und fremde Menschen grölen dir ihre Lieder ins Ohr…

„Nein, nein, nein“, sagt da Andreas, ein Freund von mir und echter Fan der der Eintracht, „du hast keine Ahnung, das ist Kult.“

Schon Tage vor dem Spiel gibt es nur noch ein Thema: der nächste Spieltag. Und am Spieltag selbst zieht man sich sein Trikot, seine Kutte oder sein Fan-Sweatshirt an. Oder sein T-Shirt mit der Aufschrift: Lieber in Frankfurt sterben als in Offenbach leben. Man trifft sich am Nachmittag mit seinen Kumpels oder seiner Familie, feiert schon mal mit den anderen Fans in der Straßenbahn und geht bei Bratwurst Walther noch eine Wurst essen. Schon von weither ertönt die Musik. Dann ab zu den Plätzen. Man grüßt seine Nachbarn wie alte Freunde. Und was jetzt beginnt, ist, mal kirchlich ausgedrückt, ein Feuerwerk an Liturgie! Ich gebe hier nur einen verkürzten Einblick:

Der Stadion-Sprecher liest die Namen der gegnerischen Fußballspieler vor. Der jeweilige Nachname wird von einem lauten „Arschloch“ aus den Kehlen der Fans in der Eintracht-Kurve übertönt. Dann ist die eigene Mannschaft dran. Ein Sprecher baut sich vor der Kurve auf und liest den Vornamen vor, die Kurve antwortet mit dem Nachnamen.

Sprecher: „Wir begrüßen unseren Torwart Markus…“

Fans: „Pröll!“

Und dann kommen alle Spieler und der Trainer dran. Das Maskottchen, also der lebende Steinadler, ist davon übrigens nicht beeindruckt. Er sitzt ruhig auf dem Arm des Falkners.

Zu den Tönen des Eintracht-Liedes steht die ganze Kurve auf, man reckt seinen Eintracht-Schal in die Höhe und singt voller Lieber und Hingabe mit dem Polizei-Chor:

Eintracht vom Main, nur du sollst heute siegen, 
Eintracht vom Main, weil wir dich alle lieben.

Dann wird noch mit der Hard-Rock-Band Tankard gegrölt:  

Schwarz-Weiß wie Schnee, das ist die SGE

(Schwarz-weiß wie Schnee – eine hochintelligente Formulierung!)

Danach übernimmt der Einpeitscher das Kommando und stimmt während des ganzen Spiels mit Hilfe seines Mikrophons und der Lautsprecher ein Lied nach dem anderen an. Ja. 10.000 Eintracht-Anhänger singen gemeinsam – oder brüllen alle gemeinsam „Tor!“. Fällt so ein Tor, gibt der Stadionsprecher das Ergebnis noch einmal bekannt. Das geht dann so:

Sprecher: „Unser Spieler mit der Nummer zehn Markus…“

Fans: „Weißenberger!“

Sprecher: „…schoss das Tor. Der Spielstand: Eintracht…“

Fans: „Eins!“

Sprecher: „Wolfsburg…“

Fans: „Null!“ (egal, wie viel Tore die Gegenmannschaft bisher wirklich erzielte)

Sprecher: „Danke!“

Fans: „Bitte!“

Bei einem Sieg wird nach dem Abpfiff die Mannschaft gefeiert. Verliert das Team, wird in der Regel trotzdem gejubelt. Aber es fließen auch Tränen, denn: Männer können weinen. Und wenn der Schiedsrichter die Eintracht verpfeift, dann bricht auch die Wut aus den Fans heraus! Im Gegensatz zum vielleicht oft schnöden und öden Alltag sind beim Fußball noch echte Gefühle gefragt! Und es ist erstaunlich, wie begeistert und liebevoll ein Mann von seinem Lieblingsspieler reden kann. So viel Hingabe traut man manchen Männern womöglich gar nicht zu!

Verabschiedet werden die Spieler nach dem Spiel mit dem Schlachtruf: „Auswärtssieg, Auswärtssieg…“

Während des Heimwegs wird das Spiel analysiert und noch einmal verloren oder gewonnen. Zu Hause wird der Erfolg/die Niederlage in der Sportschau geschaut, bevor einige weiter in die Kneipe ziehen. Andere kuscheln sich derweil im Eintracht-Schlafanzug in die Eintracht-Bettwäsche. 

Fan wird man übrigens, so erklärt mir Andreas, in der Regel vor oder während der Pubertät. Das prägt – meist fürs Leben. Gilt, wie ich finde, ähnlich für den christlichen Glauben. Die Connection mit der Kirche findet bei Menschen meist als Kind oder spätestens im Konfirmandenunterricht statt.

Und das ist vielleicht der Grund, warum ich zwar Christin, aber kein echter Fußballfan geworden bin. Mich hat, als ich 14 war, einfach keiner mit ins Stadion genommen! Gut, ich wohnte in Kassel, wohin hätte ich da gehen sollen? Und als ich dann mit Mitte zwanzig erstmalig in einem Stadion saß (beim Champions-League-Endspiel Madrid gegen Leverkusen) und ich dann auch noch mit in die VIP-Lounge zu all den Fußballergattinnen und zum Buffet eingeladen wurde, da wusste ich das gar nicht richtig zu schätzen. Perlen vor die Säue, dachte ich insgeheim. Hätte ich meine Ehrenkarte lieber an meine Freundin Conny weitergegeben. Für sie ist Fußball das schönste Erlebnis mit Klamotten am Leib, wie sie mir ungefragt mitteilte.

Ich fragte sie, ob sie eigentlich schon mal einen echten Profi kennen gelernt hat. Und siehe da: Sie hat tatsächlich schon mal mit dem Brasilianer Jorgin~o, dem jetzigen Co-Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft, trainiert. Und sie hat beim Training eine Flanke von ihm in ein Kopfballtor verwandelt! Sprich: Wenn dir im Leben ein echter Könner eine Chance bietet – mach daraus einen Volltreffer!

Auf meine Frage, wer ihrer Meinung nach der attraktivste deutsche Fußballer sei, verwies sie mich lieber an die Mannschaften anderer Nationen… In Bestform ist ihrer Ansicht nach zurzeit Michael Ballack. Dass diese EM Ballacks EM werden könnte, steht übrigens nicht nur im aktuellen Kicker, sondern schon in der Bibel, Micha 6,5: „Meine Freunde, denkt daran, was Ballack vorhatte, damit ihr erkennt, was euch Gott Gutes getan hat!“ Ist echt wahr! Lest es nach!

Gottes Hilfe gilt sowieso besonders den Mittelfeldspielern, Jesaja 28: „Dann wird der Herr eine Kraft sein denen, die den Kampf zurück treiben zum Tor.“ In der Bibel findet sich so einiges über Fußball:

Richter 9,40b: „Und viele blieben erschlagen liegen bis an das Tor!“

Was lässt die Bibel Günther Netzer ausrichten (Sirach 32,5)? „Du, der du zu den Älteren zählst, kannst reden, weil es dir zukommt und du die Erfahrung hast – aber hindere die Spieler nicht an ihrem Spiel!“

Und auch die Bibel kommentiert gerne mal ein Spiel, Psalm 127,5: „Sie werden nicht zu Schanden, wenn sie mit ihren Feinden verhandeln im Tor.“ Zu deutsch: „Sie hatten eine gute Abwehr.“

Oder hier, der Ratschlag der Bibel an alle Spieler: „Wisst ihr nicht, dass alle, die mitspielen, rennen, was sie nur können, aber nur eine Mannschaft gewinnt? Rennt so, dass ihr den Sieg erlangt!“

Damit ist doch eigentlich alles klar, oder?

 „Einige Leute denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich versichere Ihnen, dass es viel, viel wichtiger als das ist!“

Das sagte William „Bill“ Shankly (2.9.1913-29.9.1981), schottischer Fußballspieler und -trainer. Er feierte mit dem FC Liverpool in den 60er und 70er Jahren Erfolge und wurde berühmt – auch wegen dieses Zitats. Fußball – wichtiger als die Frage nach Leben und Tod?! Die Eintracht-Fans sehen das so: Ihre Liedtexte sprechen für sich:

„Für dich leben wir, nur dich lieben wir, für dich sterben wir, Eintracht Frankfurt.“

„Adler auf der Brust. Nie mehr zweite Liga. Wir haben´s doch gewusst, und hier sind wir wieder. Die Zeiten waren schwer, doch wir sind wieder wer.“ Wieder wer sein – wer wünscht sich das nicht?

Geh‘ vorwärts, geh‘ vorwärts, mit Hoffnung in Deinem Herzen, und Du gehst niemals allein, Du gehst niemals allein!“

Beim Singen im Stadion entsteht ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, von Zugehörigkeit, von Heimat, die Vorstellung von einem gemeinsamen Weg und einem gemeinsamen Ziel, für das es sich lohnt zu kämpfen. Das Fansein hilft einem anscheinend über einiges hinweg. Ein Lied geht so:

„Wenn mein Mädel einen andern anlacht, pfeif ich drauf, ich hab die Eintracht. Wenn mich das Leben manchmal auslacht, lach ich mit, ich hab die Eintracht. Wenn man mich mal später einsargt, dann bitte unterm Rahmen der Eintracht.“

Stellen Sie sich den Grabstein mal vor. Da steht dann: Hier ruht ein echter Fan. Er hat kein Spiel verpasst. Zumindest kein Spiel der Eintracht. Und vielleicht kein Spiel der EM 2008.

Aber die entscheidende Frage ist doch wohl: Hat er auch das eigene Spiel nicht verpasst, das Spiel seines Lebens?

Natürlich ist es toll, mit der deutschen Mannschaft zu feiern! Aber noch wichtiger finde ich, die Erfolge und Glücksmomente im eigenen Leben so richtig zu feiern und zu genießen.

Natürlich ist es traurig, wenn die deutsche Mannschaft nicht ins Viertelfinale einzieht. Aber noch wichtiger ist doch, dass wir lernen, mit unserem eigenen Misserfolg und Versagen gnädig und konstruktiv umzugehen.

Und natürlich ist es ärgerlich, wenn der deiner Meinung nach beste deutsche Spieler auf der Ersatzbank sitzt, aber noch wichtiger ist doch, dass du auch nicht aufhörst, an deinen Wert zu glauben und dein Bestes zu geben, auch wenn du dir im Leben manchmal wie ein Ersatzspieler vorkommst.

Das deutsche EM-Team mit seinen Spielern und seinem Trainer ist, so schreibt die Brigitte, eine perfekte Projektionsfläche für unsere Wünsche und Sehnsüchte. Aber eben nur Projektionsfläche für unsere Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst!

Daher ist die entscheidende Frage: Was ist mit dem Spiel deines Lebens?! Das findet nicht heute Abend auf dem Rasen in Klagenfurth statt, und es dauert auch nicht nur 90 Minuten. Es dauert von deiner Geburt bis zu deinem Tod. Und das Spielfeld ist meistens auch um einiges größer als 68 x 105 Meter. Mitspieler gibt es auch, und Gegenspieler ebenfalls. Womöglich gibt es bei diesem Spiel auch so etwas wie Tore, die man schießen kann, um dem Ziel ein Stück näher zu kommen. Das Ziel, nun ja, das Ziel deines Lebens ist sicher nicht der EM-Titel. Was also ist das Ziel deines Lebens?

Die Bibel gibt darauf nicht eine Antwort, sondern sie erzählt viele Geschichten. Geschichten von Menschen, die für ihr Leben ein Ziel entdecken. Und das Spannende bei diesen Geschichten ist: Dass diese Menschen ihr Ziel entdecken, hängt damit zusammen, dass sie in Kontakt mit Gott kommen. Dass sie anfangen, mit Gott zu leben. Mit Gott verbunden zu sein. Mit Gott im Gespräch. Bei Gott im alltäglichen Lebenstraining.

Als ich meine Fußballfreundin Conny fragte, wer ihrer Meinung nach weltweit der beste Trainer sei, sagte sie, ohne zu zögern: „Jesus!“ Und sie trägt tatsächlich ein T-Shirt mit der Aufschrift: Jesus – der Trainer meines Lebens.

Mag etwas abgedreht klingen, aber ich finde, da ist was dran. Man sagt ja, der beste Fußballspieler bringt es zu nichts, wenn er nicht ständig im Trainingsprogramm eines genialen Trainers bleibt.

Noch viel krasser hat Jesus das mal formuliert, als er mit seiner Mannschaft (seinen Jüngern) redete. Er sagte: „Bleibt in mir, und ich in euch. Wie die Weinrebe aus sich selbst heraus keine Frucht trägt, wenn sie nicht am Weinstock dran bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. Aber ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Wer ist unser Trainer?

Jesus war mit seinen Jüngern drei Jahre lang täglich zusammen, und es ist wirklich interessant, die Bibel aufzuschlagen und die Geschichten und Gespräche dieser Zeit mal unter dem Gesichtspunkt Lebens-Training zu lesen.

Ein Beispiel aus dieser Zeit: Als Jesus sich seine Mannschaft (seinen Jüngerkreis) zusammenstellte, wählte er 12 (nicht 11) Leute aus. Einer von ihnen hieß Simon. Er war ein Fischer, einer, der hart arbeiten konnte. Er war kein guter Teamplayer, wollte oft mit dem Kopf durch die Wand, war aufbrausend. Jesus lernte ihn kennen und nahm ihn in seine Mannschaft auf, denn er sah das Potential in Simon. Dieser cholerische Fischer mit dem Herz auf der Zunge würde einmal der Mannschaftskapitän werden. Auf diesen Fels wollte Gott seine Kirche bauen. Simon ging bei Jesus ins Training. Und bekam einen Zusatznamen: Petrus. Das heißt: der Fels. Sie verbrachten viel Zeit miteinander, redeten, arbeiteten zusammen. Simon Petrus war bei fast allem dabei, was Jesus in diesen drei Jahren tat, und lernte viel über Gottes Liebe zu den Menschen. Wisst ihr, was dann passierte?

Als es hart auf hart ging, als Jesus gefangen genommen wurde, als er als Todeskandidat verhört werden sollte. Und als Petrus unerkannt dabei war, und als man ihn dann fragte: „He, du bist doch auch einer von denen! Du bist doch ein Freund von diesem Jesus!“ Als Petrus echt mal hätte Stellung beziehen müssen – da versagte er total. Dreimal. Dreimal entgegnete er: „Ich kenne Jesus gar nicht.“

Simon Petrus verschoss quasi im Endspiel dreimal Elfmeter. Weil er im entscheidenden Augenblick Angst bekam und so tat, als wisse er nichts von seinem Trainer.

Aber Jesus ließ ihn nicht fallen. Nach der totalen Niederlage und dem überraschenden Comeback von Jesus begegnete Jesus dem Simon wieder, am See, wo dieser gerade mit seinem Fischerboot unterwegs war. Jesus sprach ihn an, baute ihn wieder auf und ernannte ihn erneut zum Kapitän der Mannschaft. Zum Fels. Zum Petrus.

Jesus als Trainer für unser Leben – und die Gemeinschaft der Christen ist ein wenig wie ein Trainingslager, in dem wir im Team trainieren, als Pendant zum EM-Trainingslager auf Mallorca – ich weiß, wir sind da noch ausbaufähig… Das Gute an Gott ist: Sein Interesse an uns hört auch dann nicht auf, wenn unser Spiel auf Erden vorbei ist. Denn dann steigt im Himmel die After-Show-Party.

Vielleicht ist es mir heute gelungen, denen, die keine Fußballfans sind, ein bisschen Lust auf einen Besuch im Waldstadion zu machen. Aber noch wichtiger ist mir, euch Lust und Mut zu machen für das Spiel eures Lebens. Ein guter Spieler wird man, wenn man einen guten Trainer hat. Meine Trainerempfehlung kennt ihr schon.

Und: Wenn man ernsthaft versucht, die Begriffswelt des Fußball auf unsere Lebenssituation zu übertragen, dann würde ich dich heute fragen: Hast du Lust, in einem wirklich guten Team mitzuspielen? Wenn ja, dann komm ins Team von Jesus. Die Ablösesumme für dich hat er übrigens schon bezahlt (sie war ziemlich hoch!). Du kannst jederzeit in sein Training kommen. Es liegt an dir.

Letzte Frage vor Schluss an meine Fußballfreundin: „Was würde Jesus zu Schweini, Poldi & Co sagen?“ Ihre Antwort: „Gebt alles!“ Oder, wie es in der Bibel steht: „Rennt so, dass ihr den Sieg erlangt!“

Ich finde übrigens, dieser eine Song der Eintrachtfans klingt wie ein Segen am Ende einer Predigt:

Geh‘ vorwärts, geh‘ vorwärts, mit Hoffnung in Deinem Herzen, und Du gehst niemals allein, Du gehst niemals allein!

Gott mit euch!

Und uns allen eine fröhliche EM-Zeit!

„Literatur hat keine Angst“

(Frankfurter Buchmesse 2015, Gastland: Indonesien)

 

Mit dem Titel „Literatur hat keine Angst“ ist der Beitrag der FAZ zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2015 überschrieben. Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie sagt: „Die Kunst ist stark, aber der Künstler ist schwach.“ Er kann getötet, misshandelt und zum Schweigen gebracht werden. Die Buchmesse in Frankfurt dagegen will für Meinungs- und Publikationsfreiheit einstehen. Und für Salman Rushdie steht fest: Freiheit der Meinung und des Ausdrucks sind kein Lokalkolorit bestimmter Staaten und Kulturen. Die Toleranz des aufgeklärten Menschen darf nicht so weit gehen, die Missachtung der Menschenrechte „woanders“ zu tolerieren.

In der globalisierten Welt prallen die Geschichten und Kulturen aufeinander, rasen ineinander hinein und streiten darum, wer die Wirklichkeit nun wirklich richtig und wahr deutet.

Literatur ist immer Dichtung. Aber zugleich kann sie als Dichtung der Wahrheit dienen.

Der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2015 ist Indonesien.

Was ist Indonesien für ein Land?

  • Lage: 17.000 Inseln am Äquator zwischen Singapur im Norden und Australien im Süden. Indonesien ist die viertgrößte Nation der Welt, was die Bevölkerungszahl angeht!
  • Die Hauptstadt heißt Jakarta.
  • Es herrscht tropisches Klima: zum Teil Regenwaldgebiet – auf einigen Inseln herrscht immer feuchtes Tropenklima, um die 26°C bei 95% Luftfeuchtigkeit. Auf anderen Inseln bestimmt der Monsun das Klima (hohe Temperaturen, z. T. Trockenheit). Leider wird der Regenwald abgeholzt, um Palmölplantagen anzulegen.
  • Tierwelt: Hier leben z. B. Orang-Utans! Und es gibt ein wunderbares Korallenmeer…
  • Die Landschaft ist vulkanisch geprägt. Das heißt: Das Land ist sehr fruchtbar. Aber es gibt auch oft Erdbeben und Tsunamis.
  • Bevölkerung: Es gibt über 350 verschiedene Völker!
  • Religion: 88% Muslime (überwiegend moderat), 9% Christen, 1,8% Hindus, 1% Buddhisten, kleine jüdische Minderheit. Der Ahnenkult und der Geisterglaube haben nach wie vor einen großen Stellenwert bei vielen Indonesiern.
  • Über 27% der Indonesier leben in Armut. Auf der Insel Java gibt es etwa 1,7 Millionen Straßenkinder.
  • Zur Geschichte Indonesiens:
  • Bereits vor 1,8 Millionen Jahren waren die Inseln besiedelt. In den Jahrhunderten nach Christus entstanden Königreiche, denen Reichtum dem Handel entsprang: besonders dem Handel mit indonesischen Gewürzen! Irgendwann entdeckten portugiesische Seefahrer die wunderbaren Inseln, aber vorherrschende Kolonialmacht wurde 1600 nChr. Holland. Bis ins 20. Jhd. hinein. Dann versucht Japan, die holländische Kolonie zu erobern. 1945 rief Indonesien unter dem Anführer Sukarno aber seine Unabhängigkeit aus. Holland musste sich zurückziehen. Und Japan kapitulierte.
  • Am 30. September 1968 kam es zu einem Putschversuch von Teilen des Militärs. Der rechtsgerichtete General Suharto schlug den Aufstand nieder und erklärte, die kommunistische Partei sei schuld an dem Putsch. Mit dieser Lüge begannen ein Massaker und eine Verfolgung von Kommunisten und deren Freunden und Familien und der chinesischen Minderheit, denen laut Amnesty International eine Millionen Menschen zum Opfer fielen.
  • Erst nach der Wirtschaftskrise 1998 kam es zu Protesten, besonders der Studenten. Die Gewalt erreichte ihren Höhepunkt in den Tagen vom 12. bis zum 14. Mai 1998 in Jakarta. Schließlich musste Suharto zurücktreten. 1999 wurde zum ersten Mal ein Staatspräsident frei gewählt.
  • Um die Meinungsfreiheit wird aber auch nach dem Ende der Herrschaft Suhartos nach wie vor gerungen.

 

Wie nähert man sich einem Land an, das man nicht kennt und in das man auch nicht einfach mal eben so rüber hopsen kann? Ich würde sagen: Lies ein Buch von einem Schriftsteller dieses Landes. Dann lernst du zwar nicht das ganze Land kennen, aber du wirst zumindest einen ersten Einblick bekommen, aus einer Perspektive. Und wenn diese dich neugierig macht, dann lies noch ein weiteres Buch, von einem anderen Schriftsteller. Nun gibt es ja eine Menge Arten von Büchern: Reiseführer. Sachbücher. Kinderbücher. Märchenbücher. Romane. Gedichte.  Und dann zu ganz verschiedenen Themen: Flora und Fauna. Geschichte und Politik. Als ich auf der Liste der empfohlenen Neuerscheinungen indonesischer Literatur nach einem Buch suchte, stand viel zur Auswahl: Die Geschichte über einen armen Bauernjungen, der endlich eine Schule besuchen darf. Die Geschichte einer Tänzerin. Ein Wälzer über vier Generationen Frauenschicksal im hinduistischen Umfeld. Auseinandersetzungen mit dem Islam.

Ich recherchierte und schmökerte in den Kurzbeschreibungen. Und mir wurde beim Überfliegen der Titel klar: Ich werde ein Buch auswählen, zu dem ich eine Verbindung aufbauen kann, weil es eine Gemeinsamkeit zwischen der Geschichte und mir gibt. Daher wählte ich das Buch Pulang – Heimkehr nach Jakarta. Weil die Geschichte zum Teil in Europa spielt. Und weil der Held Literatur studiert hat. So wie ich auch. Und darum besteht für mich ein Anknüpfungspunkt.

Wenn wir uns einer anderen Kultur annähern wollen, dann lasst uns in dem ganzen Gewirr nach einem Faden suchen, an dem wir anknüpfen können.

Ich fing an zu lesen.

„Die Nacht war hereingebrochen, ohne Wenn und Aber. Als hätte sich ein schwarzes Wurfnetz über Jakarta gelegt, oder als hätte sich die Tinte eines Riesenkraken über das gesamte Stadtgebiet ergossen. Undurchdringlich wie die Zukunft, die ich nicht vorausahnen konnte…“

Da war ich. Mit einer mir noch unbekannten  Person in den Räumen einer Nachrichtenredaktion in Jarkata, der Hauptstadt Indonesiens. Und wenige Seiten später befinde ich mich in Gesellschaft zweier junger Menschen – einer französischen Studentin und einem Asylanten aus Indonesien, die sich gerade zum ersten Mal in Paris begegnen. „Eigentlich sollten wir eine Tasse Luwak-Kaffee trinken“, sagt der junge Mann und ich lese in seinen Gedanken: „Da war es, ich hatte eines der gefährlichen Wörter ausgesprochen. In meinem erbärmlichen Zustand und mitten in Europa sollte ich mit meinen Äußerungen über etwas Exotisches, das ich vermisste, vorsichtiger sein. Eine solche Äußerung konnte ein Beben in meinem Innern auslösen. Ich sollte Indonesien und alles, was damit in Verbindung stand, fest einschließen und vergraben. Und sei es nur vorübergehend. Ich musste in der Lage sein, mein Leben weiterzuleben.“

Noch weiß ich als Leserin nicht sehr viel. Aber diese Gedanken erinnern mich natürlich an die aktuelle Situation in unserem Land, in das zurzeit so viele Flüchtlinge strömen. Und neben all den Schwierigkeiten der Verwaltung und Organisation und neben all den Fragen, ob es gelingt, das diese Menschen nicht nur in unserem Land, sondern auch in unserem Wertsystem ihren Platz finden – da sehe ich mit einem Mal auch das Heimweh, das diese Menschen begleitet. Vielleicht ihr Leben lang.

Und mir fällt der kluge Satz ein: „Urteile nicht über den anderen, bevor du nicht eine Meile in seinen Mokassins belaufen bist.“ Zuhören, kennen lernen, sich in den anderen hinein versetzen. Die Welt mit seinen Augen sehen.

Und dann begleite ich beim Lesen diesen Asylanten namens Dimas auf seinen Wegen. Auch auf seinem Weg in die Küche. Denn Dimas ist ein begnadeter koch indonesischen Essens.

„Flink zerkleinerte ich die Zwiebeln und den Knoblauch, schnitt das Gemüse und das Hühnerfleisch in mundgerechte Stücke. In einer Glasflasche bewahrte ich Minyak Jelantah auf, das war Öl, das bereits einmal zum Braten verwendet worden kann. Ich entnahm einen guten Schuss dieses Öls und rührte damit die Gewürze an. Dieses Öl war das Geheimnis meiner Gewürzzubereitung: gesundheitlich vielleicht nicht ganz unbedenklich, aber sie ließ jedem das Wasser im Mund zusammen laufen.“

Und mir läuft beim Lesen auch das Wasser im Mund zusammen. Und ich denke: Ich sollte einmal indonesisch essen gehen!

Fremdes Essen probieren. Den Duft fremder Gewürze einatmen. Ein anderes Land schmecken. Eine andere Kultur verkosten. Das ist schon immer ein guter und gesegneter Weg gewesen, Grenzen zu überwinden und in die Lebenswelt des anderen einzutauchen. Ich bin sehr froh darüber, dass ich als Deutsche nicht nur auf Eisbein mit Sauerkraut und als Nordhessin auf Aale Wurscht angewiesen bin. Obwohl auch aale Woscht wirklich gut schmeckt!

Wenn wir uns mit anderen Kulturen beschäftigen, werden wir natürlich auch auf Dinge stoßen, die wir ablehnen. In meinem Buch taucht eine indonesische Heldengestalt auf. Ekalaya ist ihr Name. Ein Bogenschütze. Der beste Bogenschütze der Welt. Und als er sich bei seinem Meister für den Unterricht bedankt und – wie üblich – diesem eine Dankesgabe überreichen will – da fordert sein Meister von ihm zum Dank seinen rechten Daumen. Und das hieß, dass Ekalaya von jetzt an nie wieder ein guter Bogenschütze sein würde. Wie reagiert Ekalaya auf diese Forderung? Protestiert er? Tötet er seinen Meister? Setzt er sich für sein Recht und das Recht aller Unterdrückten ein? Nein. Voller Freude tut er, was sein Meister von ihm verlangt.

Das irritiert mich. Gibt es hier keinen zivilen Ungehorsam? Gibt es hier keine Vernunft? Keine Gerechtigkeit?

Aber dann denke ich an die jüngste Geschichte unseres deutschen Volkes zurück. Menschen, die voller Überzeugung und Hingabe dem sogenannten Führer ihr Leben und das Leben ihrer Kinder opferten. Und sich dabei sicher waren, das richtige zu tun.

Kann ein Mensch geläutert werden, sein Denken erneuern? Ich glaube ja.

Kann eine Gesellschaft geläutert werden, ihr Denken erneuern, andere Werte setzen? Ich glaube ja.

Aber es ist oft ein schmerzvoller Weg bis dahin.

Die Tochter meines Helden im Buch reist als erwachsene Frau von Frankreich aus nach Indonesien, um dort einen Dokumentarfilm zu drehen. Sie taucht dabei ein in die Schrecken der Jahre nach 1968 unter der Herrschaft Suhartos ein. Sie hört den Menschen zu, die inhaftiert und gefoltert wurden – weil sie mit politisch Andersdenkenden  befreundet waren. Weil sie Verwandte hatten, die aus politischen Gründen fliehen mussten. Weil man Schuldige brauchte. Die Wahrheit wurde in Indonesien jahrzehntelang mit Lügen übertüncht. Und erst 1998 kam es endlich zu den Protesten, die den Rücktritt des Herrschers Suharto auslösten. Proteste gegen die erhöhten Benzinpreise – und für die Meinungsfreiheit. Aber obwohl sich in Indonesien seitdem viel getan hat, mahnt Amnesty International nach wie vor: Denn immer noch und immer wieder kommt es zu Maßnahmen und Ausschreitungen gegen Andersdenkende.

Und ebenso erschreckend ist es, wenn in unserem Land, in Deutschland, gegen Menschen gehetzt wird. Wenn gegen Menschen Gewalt angewendet wird, weil sie einer anderen Meinung sind. Einer anderen Kultur angehören. Einen anderen Gott verehren. Eine andere Sprache sprechen. Und da ist es mir einerlei, auf welcher Seite die Hetzer zu finden sind. Ob es muslimische Flüchtlinge sind, die christliche Mitflüchtende über Bord werfen. Oder ob es rechtsradikale Deutsche sind, die einen Dunkelhäutigen niederstechen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Lasst uns immer nach menschenwürdigen Wegen suchen, diese wunderbare Erde, diesen Kontinent, dieses Land miteinander zu bewohnen.

Die Reise meines Helden Dimas ist zu Ende gegangen. Mit seiner Tochter sitze ich an seinem Grab und lese: „Der Abend senkte sich langsam, als würde er uns noch ein wenig mehr Zeit lassen, um bei meinem Vater bleiben zu können, bevor die Dunkelheit endgültig hereinbrach. Ich wusste nicht mehr, ob ich auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris oder auf Karet in Indonesien war. Aber eins wusste ich sicher: Papa lächelte von fern. Er war glücklich, weil er – mit uns allen an seiner Seite – heimgekehrt war.“

„Die Meinungsfreiheit ist ein universales Menschenrecht“, bekräftigt Salman Rushdie in seiner Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Menschen sind Sprachwesen, sie erzählen einander ihre Geschichten. Das ist ihre menschliche Natur. Darum, so Salman Rushdie, müssen die Zungen der Sprache frei sein“ – und „ohne die Meinungsfreiheit gibt es keine anderen Freiheiten.“ (FR online)

Und wer jetzt Lust auf indonesische Literatur bekommen hat, kann gerne mal in meine Ausgabe hineinschauen. Oder sich am besten gleich das Buch besorgen. Es lohnt sich!

Gesegnet

Marias großer Traum

(Lukas 1, 26-38. 46-55)

Es war an einem Vormittag. Sie war allein zuhause und machte die Küche sauber. Auf dem Frühstückstisch war noch alles stehen geblieben. Wie so oft hatte niemand seinen Teller zurück in die Küche gebracht. Geschweige denn in die Spülmaschine eingeräumt. Aber zurzeit störte sie das nicht besonders. Sie war sowieso gerade im Übergang. In einer Zwischenzeit. Ein Abschnitt ihres Lebens ging zu Ende, und ein neuer würde beginnen. Bald. Das kam nicht plötzlich, sie hatte sich schon seit längerem darauf vorbereitet. Hatte sich entsprechende Fertigkeiten und Fähigkeiten angeeignet. Und hatte sich auch schon oft ausgemalt, wie ihr Leben dann sein würde. Nicht überraschend, nein. Das nicht. Es war absehbar, wie es weitergehen würde. Aber für sie doch neu. Herausfordernd. Eine neue Aufgabe. Eine neue Situation. Und eine neue Umgebung. Sie würde umziehen. Bald. Ihre Tasche war schon gepackt. Nun, es war in ihrem Fall keine so große Tasche. Tja, und wenn das neue Leben dann begann, dann würde sie wohl erst mal keine Zeit mehr haben, über dieses neue Leben viel nachzudenken.

Die Küche war fast fertig. Schön sauber. Die Schreibtischarbeiten hatte sie gestern Abend schon erledigt… Staubsagen. Ja, das wäre vielleicht mal wieder nötig.

Sie geht in die kleine Kammer und holt den Staubsauger. Sie beginnt im Flur. Wegen des Holzfußbodens stellt sie auf Bürste um, es sind schon genügend Kratzer auf dem Boden. Sie steckt den Stecker in die Steckdose und drückt auf Start. Staubsaugerlärm. Nicht schön. Na, den wird sie auch weiterhin ertragen müssen. Überhaupt, manches wird sich ändern. Manches leider auch nicht.

In diesem Moment springt wie von selbst die Haustür auf. Ein blendend weißer Lichtstrahl fällt in den Flur hinein.

Schützend hält sie sich die Hände vor die Augen. Blinzelt, kann aber kaum etwas sehen, so hell ist es. Da ertönt eine Stimme, so lebendig wie der Frühling:

„Sei gegrüßt, du Begnadete! Gott ist mir dir!“

Die Frau erschrickt. Und sie erkennt bis in die Tiefen ihres Bewusstseins, wer da mit ihr spricht. Anfang und Ende. Ursprung und Ziel allen Seins. Ihre große Sehnsucht. Gottes Wort, an sie gerichtet, in Gestalt des Engels.

„Was soll denn das für ein Gruß sein?“ fragt sie nervös. Vielleicht, um abzulenken. Vielleicht, weil sie immer noch den Staubsauger in der Hand hält. Vielleicht auch, weil sie die Angst packt. Bis eben war noch alles absehbar und geregelt. Jetzt ist da dieses Licht, und sie sieht den Staub darin wirbeln.

„Hab keine Angst“, sagt das Licht und nennt die Frau beim Namen. „Gott hat dich erwählt. Seine Gnade wird dir jetzt zuteil. Und dies ist deine Bestimmung: …“

Und dann hört sie dem Engel zu. Aufmerksam. Überrascht: Kaum zu fassen, was der Engel da sagt. Eine unglaubliche Vision. Die Welt wird auf den Kopf gestellt – und sie mitten drin…?

„Aber… das geht doch gar nicht“, sagt sie. „Was du da sagst, dass es meine Bestimmung sei… das geht nicht. Das kann ich nicht. Da gibt es einige grundlegende Hindernisse gesellschaftlicher und natürlicher Art. Unüberwindbar…!“

Der Engel antwortet ihr: „Heiliger Geist wird auf dich kommen. Und die Segenskraft deines Gottes wird dich erfüllen. Darum wird die Frucht, die du mit deinem Leben hervorbringen wirst, heilig sein, und Gott selbst wird darin wohnen und für alle sichtbar werden.“

Die Frau blickt den Engel zweifelnd an.

„Schau“, sagt der Engel, „schau dir deine Cousine an. Du weißt, wie sehr sie sich wünschte, dass ihr Lebenstraum sich endlich erfüllt. Du weißt, dass sie über Jahre hinweg alles dafür getan hat, ihren Traum zu leben. Du weißt, dass sie die Hoffnung inzwischen aufgegeben hat. Aber soll ich dir was sagen? Es ist soweit! Ihr Traum wird wahr. Was Gott zusagt, das wird geschehen.“

Die Frau schweigt. Meine Bestimmung, denkt sie. Meine große Sehnsucht. Meine Erfüllung. Der Grund, warum ich hier bin… Danach habe ich mein bisheriges Leben nicht wirklich ausgerichtet. Ich wusste ja auch nicht, wie. Wen hätte ich fragen sollen? Wenn ich überhaupt gewagt hätte, zu fragen…. Außerdem – bleibt mir als Frau für die Erfüllung meines großen Traumes wenig Zeit und Raum. Der Alltag muss funktionieren. Der Haushalt muss laufen. Die Finanzen müssen stimmen. Die Familie muss zusammen gehalten werden. Und unsere Gesellschaft fordert ein gewisses Verhalten. Es gibt gewisse Wertvorstellungen… da war bis jetzt kein Platz für meine Sehnsucht. Und nun ist da dieser Engel! Alles gerät durcheinander. Ob ich das kann? Ob ich mich das traue?

Sie sieht das Licht. Sie fühlt die Wärme, die sich auf ihrem Gesicht und in ihrem Körper ausbreitet bei dem Gedanken, Ja zu sagen…

„Die Kraft deines Gottes wird dich erfüllen“, hat der Engel gesagt.

Und sie antwortet: „Ja.“

Da verließ sie der Engel. Und die Geschichte begann.

***

Es war Maria, die von Gott dazu auserwählt wurde, die Mutter Jesu zu werden. War das ihr großer Traum, war das ihre Bestimmung? Ihre Erfüllung? Nein. Und ja.

Marias Traum war nicht, zu heiraten, einen Haushalt zu führen, Kinder zu bekommen und diese zu versorgen, bis sie groß sind. Nein.

Weißt du, was Marias Traum war? Der Traum dieser jungen, jüdischen Frau aus eher einfachen Verhältnissen? Die in Nazareth lebte, einer Stadt, von dem man sagte: Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? Der Traum dieser jungen, jüdischen Frau, die in einem unfreien, besetzten Land lebte. Unter römischer Herrschaft, einer Herrschaft, die schon bei kleinstem Widerspruch und dem Verdacht auf Untreue gegenüber dem Staat grauenvoll bestrafte, die tausende von Menschen hinrichtete. Der Traum dieser jungen jüdischen Frau, auf deren Familie ein immenser finanzieller Druck lastete, hervorgerufen durch die horrenden Steuern, die zu zahlen waren. Weißt du, was Marias Traum war? Lies mal nach, in der Bibel, Lukasevangelium, Kapitel 1.

Als Maria nämlich schon schwanger ist, stimmt sie ein Loblied an, bekannt geworden als der Lobgesang der Maria, und darin benennt sie ihren großen Traum:

„Meine Seele preist den Herrn aus tiefstem Herzen.
Und mein Geist jubelt vor Freude
über Gott, meinen Retter.
Er wendet sich mir zu, obwohl ich nur seine unbedeutende Dienerin bin.
Schaut! Von jetzt an werden mich alle Generationen selig preisen.
Denn Gott, der mächtig ist, handelt wunderbar an mir.
Sein Name ist heilig.
Er ist barmherzig zu denen, die ihn ehren und ihm vertrauen

von Generation zu Generation, denn…“

Und jetzt steht da nicht: „Denn ich werde die berühmteste Mutter der Welt sein!“ Nein. Marias Traum ist von politischer Natur! Sie singt:

„Denn Gott hebt seinen starken Arm und fegt die Überheblichen hinweg.
Er stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor.
Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben
und schickt die Reichen mit leeren Händen fort.
Er erinnert sich an seine Barmherzigkeit
Und kommt seinem Diener Israel zu Hilfe.
So hat er es unseren Vätern versprochen:

Abraham und seinen Nachkommen für alle Zeiten.“

Marias große Sehnsucht ist der Umsturz der Gesellschaft! Der ungerechten Verhältnisse. Ist die Befreiung ihres Volkes. Ist die Aufrichtung des Friedens. Ihre Sehnsucht ist die Erfüllung der großen Verheißung Gottes an das Volk Israel: Der Messias wird kommen: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst. Seine Macht wird groß sein und seiner Friedensherrschaft wird kein Ende sein.

Und wenn Maria zu Gottes Plan, dass sie die Mutter Jesu wird, „Ja“ sagt, dann nicht, weil sie Kinder so mag, sondern weil sie auf diese Weise das ihrige dafür tun kann, dass ihr großer Traum in Erfüllung geht. Mutter Gottes zu werden, ist sozusagen das Mittel zum Zweck.

Ich bin übrigens davon überzeugt: Gott weiß um Marias großen Traum. Und wählt genau darum sie aus. Weil Gott daran gelegen ist, dass wir Menschen unserer Bestimmung gemäß leben. Weil Gott dazu seinen ganzen Segen und seine Gnade geben will.

Daher: als der Engel zu ihr spricht und ihr von Gottes Plan erzählt, da versucht dieser Engel es gar nicht erst mit Worten, die für einige andere jungen Frauen vielleicht attraktiv geklungen hätten:

„Maria, du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Nenne ihn Jesus. Er wird sooo süß und knuffig sein…“

Nein. Das würde in Maria nichts anstoßen. Stattdessen sagt der Engel: „Maria, du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Gib ihm den Namen Jesus. Er wird Gottes Sohn sein. Gott wird ihm den Thron seines Vorfahren König David geben. Er wird für immer als König über die Nachkommen Israels herrschen, und seine Friedensherrschaft wird niemals aufhören.“

Das ist es! Das ist es, was Maria will. Und darum sagt sie „Ja“.

Von außen betrachtet ändert sich an Marias Lebenslauf erst mal nichts. Gut, ihr Verlobter Josef muss noch akzeptieren, dass sein erstes Kind ein Pflegekind ist. Aber sonst: Maria wird heiraten, wie geplant. Sie wird umziehen. Sie wird weitere Kinder bekommen. Sie wird Wert auf eine jüdisch-religiöse Ausbildung der Kinder legen. Sie wird den Haushalt führen – alles fast genauso, wie gedacht und geplant. Mit einem gewaltigen Unterschied: Vorher war dieser Lebensweg einfach nur ein Lebensweg. Jetzt ist dieser Lebensweg ihr persönlicher und von Gott geheiligter Lebensweg.

Vorher führte dieser Weg irgendwo hin. Jetzt, nach der Berufung, Begnadung und Segnung durch Gott, wird dieses Leben zu Marias Weg, ihren Traum zu erfüllen. Ihre Bestimmung zu leben. Teil der Heilsgeschichte Gottes mit der Welt zu werden.

Was für eine Veränderung!          

Ich möchte dir folgende Fragen mit auf den Weg geben:

            Warum bist du hier?
            Was ist dein Traum?
            Was erfüllt dich?
            Wonach sehnst du dich am allermeisten?

            Was macht dich froh?

Ich bin sicher, du hast in deinem Leben schon einige Entscheidungen getroffen, die bewusst oder unbewusst der Erfüllung deiner Bestimmung dienten. Vielleicht ist dein großer Traum schon in Erfüllung gegangen oder geht gerade in Erfüllung. Vielleicht lebst du schon als Gesegnete und Begnadete, als Gesegneter und Begnadeter des Herrn! Wie gut, du gesegnete Frau, du begnadeter Mann!

Aber wenn nicht – dann wird es vielleicht Zeit, dass du dir diese Fragen stellst.

Manchmal sind die Türen einfach zu, und wir können nichts ändern an der Situation, in der wir leben. Aber: wenn die Tür plötzlich aufspringt, während du dein Tun und Schaffen hast – und wenn plötzlich im Licht und im Wind Gottes der Staub zu tanzen beginnt und Gott dein Leben zur Erfüllung bringen will – dann sag nicht: „Nein.“ Oder: „Später“.

Dann sag „Ja“.

 

Lazarus, komm heraus!

Auferstehungsgeschichten

(Johannes 11,1-44)

 

Es lag da einer krank… so beginnt diese unglaubliche Geschichte. Es lag da einer krank… das ist zunächst eine sehr alltägliche Mitteilung. Jeden Tag erkrankt jemand. Aber nicht jeden Tag erkrankt jemand, den wir lieben. Genau davon jedoch erzählt die Geschichte. Und genau darum ist sie auch nicht alltäglich.

Krank, und zwar sterbenskrank, wurde Lazarus, der Bruder von Martha und Maria. Drei Geschwister. Und in der Geschichte wird mehrmals darauf hingewiesen, wie eng vertraut Jesus mit diesen dreien war. Maria, die Frau, die Jesu Füße mit kostbarem Öl gesalbt und mit ihren Haaren getrocknet hatte. Lazarus, den Jesus lieb hatte. Martha, bei der Jesus gerne zu Gast war und gut versorgt wurde. Das Haus dieser drei Geschwister war so etwas wie ein zweites Zuhause für Jesus. Und darum erzählt diese Geschichte nicht von irgendeinem Kranken und irgendeiner Trauer und irgendeiner Heilung, sondern sie erzählt davon, dass das Unglück Menschen trifft, die eng mit Gott verbunden sind.

Das ist ein Ereignis, das Menschen, die an Gott glauben und mit Gott leben, in große Verzweiflung stürzen kann. Wie kann Gott das zulassen? Wie kann mein Schöpfer, mein Beschützer, mein Versorger, mein treuer Freund zulassen, dass uns, dass mich dieses Unglück trifft?

Maria und Martha können es auch nicht fassen. Jesus kommt zu spät. „Wärst du hier gewesen, Jesus, dann wäre unser Bruder nicht gestorben“, klagt Martha. Und ich höre den unausgesprochenen Vorwurf: Warum warst du nicht hier? Die Menschen, die mit Martha und Maria trauern, sehen es genauso: „Jesus hat einem Blinden, den er nicht kannte, durch ein Wunder das Augenlicht zurückgegeben – warum hat er nicht verhindert, dass dieser, sein Freund, sterben musste?“

Die Reaktion Jesu ist: Er ergrimmt! Er wird zornig. Wörtlich steht in der Bibel: Er schnaubt. Er regt sich auf. – Warum eigentlich? Ist er wütend auf den Tod? Oder auf die Menschen, die nicht glauben, dass seine Kraft stärker ist als der Tod? Oder ist er wütend auf sich selbst, weil er das Leid nicht verhindert hat? Wir können nur spekulieren. Tatsache ist: Er ist wütend. Energie liegt in der Luft.

Aber ich will noch einmal einen Schritt zurückgehen und auf ein paar Dinge aufmerksam machen, von denen ich glaube, dass sie für uns wichtig sein können.

(1) Als Jesus hört, dass sein Freund Lazarus krank geworden ist, eilt er nicht sofort zu ihm, sondern bleibt noch zwei Tage lang dort, wo er ist. Eine Erfahrung, die auch betende Menschen machen: Man ruft Gott zu Hilfe – und Gott kommt scheinbar einfach nicht!

Die Jünger allerdings haben für Jesus volles Verständnis, denn: Wenn Jesus zurück nach Judäa geht, das Gebiet, in dem Lazarus wohnt, setzt er sich selbst der Todesgefahr aus. In Judäa wartet die jüdische Obrigkeit nur darauf, Jesus fassen und töten zu können. Als Jesus dann doch aufbricht, ist klar: Er geht in die Höhle des Löwen.

Und ich stelle jetzt einen vielleicht gewagten Vergleich an: Wenn Gott unser Gebet hört und zu uns kommt in unserer Not, dann begibt er sich in Gefahr. In essentielle Gefahr. Es geht ans Eingemachte, denn jetzt muss Gott Stellung beziehen: Warum hat er das Leid überhaupt zugelassen? Jetzt gerät Gott unter Handlungsdruck: Jemand muss doch etwas tun! Rettung ist gefragt! Gott! Muss! Eingreifen! Gott muss doch helfen!

Als Jesus kommt, sagt Martha nicht nur: „Wenn du da gewesen wärst, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Sondern sie fährt sogleich fort: „Aber ich weiß, dass Gott dir auch jetzt keine Bitte abschlägt.“

Ist das eine Hoffnung? Gott – du kannst auch jetzt noch helfen!? Jesus antwortet ganz schlicht: „Dein Bruder wird auferstehen.“

Stellen Sie sich das mal vor: Wenn es wirklich Wunder gäbe!

Ich ahne, wie Marthas Herz schneller schlägt. Auferstehen! Ins Leben zurückkehren! Kann sie das glauben?

Nein. Das ist unmöglich. Bei aller Liebe: Auch Jesus selbst kann Tote nicht wieder lebendig machen. So weit reicht seine Macht nicht.

Als gute Christen versuchen wir ja in der Regel alles, um Gott aus dieser Misere zu helfen – genau wie Martha es jetzt versucht. Und damit komme ich zum zweiten Punkt.

(2) Martha entschließt sich dazu, Jesus die Möglichkeit zu geben, sich durch religiöse Jenseitsvertröstungen aus der Affäre zu ziehen. Sie sagt: „Ja, ich weiß, er wird auferstehen, wenn alle Toten lebendig werden, am letzten Tag.“

Ich müsste schmunzeln, wenn es nicht so tragisch wäre. Als Gläubige versuchen wir oft, die Ereignisse so zu deuten, dass Gott selbst dann noch gut dasteht, wenn die Welt im Leid ertrinkt: Gott lässt jetzt das Leid zu. Aber am Ende wird alles gut. Wir trösten uns und andere mit dem Glauben an ein Jenseits, in dem Gott alle Tränen abwischen wird. So wie Martha es tut. Oder: Es ist Gottes Wille, wir sollten uns fügen, denn Gott wird schon seinen Grund haben. Es hat alles seinen Sinn, auch wenn wir es jetzt noch nicht verstehen. Oder aber: Gott ist nicht allmächtig. Er kann das Leid und den Tod nicht verhindern. Seine Gegenwart zeigt sich in seinem Dasein, in seinem Mitleiden. Der Fehler liegt jedenfalls nicht bei Gott. Er liegt bei uns. Wir kapieren es halt nicht.

All diese Antworten sind möglicherweise nicht falsch. Und wir könnten sagen: Hut ab vor Martha, dass sie sich mitten in ihrer Trauer noch festhält an dem, was sie gelernt hat. Aber findet sie darin wirklich Trost? Oder nur Vertröstung?

Natürlich schützt Martha sich auf diese Weise auch – vor der großen Enttäuschung, dass ihre Hoffnung nicht erfüllt wird, dass sie letztlich ohne Trost bleiben könnte. Vor der verzweifelten Vorstellung, dass selbst Jesus hier einfach nicht helfen kann. Dass es etwas gibt, das stärker ist als die Liebe. Nämlich der Tod.

Und Jesus?

Jesus könnte nun sagen: „Genau, Martha, du hast es erkannt. Hier kann ich nichts tun außer bei euch sein. Aber am Ende wird alles gut. Da werden die Toten nämlich auferstehen. Versprochen.“

Es wäre so einfach für Jesus gewesen. Und Martha hätte akzeptiert. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Aber Jesus reagiert anders. Er schiebt alle theologischen Erklärungsversuche, alle frommen Redensarten und Jenseitsvertröstungen beiseite. Mit einem gewaltigen Wort holt er die ferne Zukunft des letzten Tages in die Gegenwart hinein und bindet die fromme Hoffnung an seine unmittelbar fassbare Person – jetzt. Gegenwärtig. Präsent. Schau mich an, Martha! „ICH BIN die Auferstehung und das Leben. Wer mich annimmt, wird leben, auch wenn er stirbt, und wer lebt und sich auf mich verlässt, der wird niemals sterben, in Ewigkeit nicht.“ Und dann fügt er noch die entscheidende Frage hinzu: „Glaubst du mir das?“

Martha nimmt an: „Ja, Herr, ich glaube,  habe den Glauben gewonnen, dass du der Heiland bist. Der versprochene Retter, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“

Es geht hier darum, ob wir im Glauben eine Zusage für unser Leben annehmen, oder sie im Unglauben ablehnen. Übrigens, eigentlich muss man das „ich glaube“, das Martha sprich, übersetzen mit „ich habe den Glauben gewonnen“. Denn: Diesen Glauben hat man nicht. Sonden dieser Glaube ergreift uns im Augenblick der Begegnung mit Gott. Glaube ist nicht statisch. Glaube haben wir nicht parat und rufen ihn ab, wenn wir ihn gerade brauchen. Glaube ist keine Lehre, sondern geschieht in der persönlichen Begegnung. Glaube lässt sich nicht argumentativ herbeireden, ebenso so wenig lässt Glaube sich argumentativ wegreden. Wie auch die Liebe sich weder herbeireden noch wegreden lässt.

Martha wird von Glauben ergriffen, in dem Moment, als sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf Jesus richtet, ihren Freund. Der von sich sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Und der ihr die Frage stellt: Glaubst du das? Vertraust du mir? Und sie vertraut ihm. Sie nennt ihn Christus. Gott in der Welt. Im Hier und Jetzt.

Wenn wir in der säkularisierten, westlichen Welt anfangen, über Gott und den christlichen Glauben zu diskutieren, stoßen wir immer wieder an die Grenzen unseres Verstands. Wenn wir in eine existentielle Krise geraten, können uns Argumente nicht retten. Und wir müssten unseren christlichen Glauben ad acta legen. Wenn da nicht die vielleicht schon langjährige, gewachsene Beziehung wäre, die Begegnung mit dem Lebendigen. Und die, vielleicht erstaunende, rettende Erfahrung: Ja, ich glaube.

(3) Noch ein drittes: Ist es nicht erstaunlich, was Jesus ganz zu Beginn über die Krankheit von Lazarus sagt? Für alle Mediziner steht fest: Krankheit zielt auf Tod hin. Am Schnupfen stirbt man nicht gleich – aber Krankheit gefährdet das Leben und zielt auf den Tod hin.

Jesus gibt der Krankheit von Lazarus ein neues Ziel, eine neue Ausrichtung. Er sagt: „Diese Krankheit dient dazu, die Herrlichkeit Gottes offenbar zu machen. Denn durch sie wird der Sohn Gottes zu seiner Herrlichkeit gelangen.“

Jesus wird hier im Johannesevangelium als derjenige dargestellt, der schon weiß, wohin das Ganze führt. Er weiß: Wenn er den toten Lazarus zum Leben erweckt, bedeutet das zugleich sein eigenes Todesurteil. Denn es wird sich herumsprechen. Dass er da ist. Dass er göttlich handelt. Dass er die Welt auf den Kopf stellt. Dass er darum gefährlich ist.

Man wird ihn in Judäa festnehmen und hinrichten.

Aber er wird auferstehen und von Gott verherrlicht sein.

Das sind hochtheologische Aussagen, die ich an dieser Stelle nicht weiter deuten möchte. Ich möchte nur auf den einen Gedanken hinweisen: Jesus gibt der Not seiner Freunde eine neue Ausrichtung: Die Not führt nicht mehr zu Verzweiflung und Tod, sondern ihr Ziel ist das Leben.

***

Jetzt aber zurück zu unserer Geschichte. Martha vertraut Jesus.

Und Jesus ist – aufgebracht. Er weint. „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ fragt er. „Komm und sieh!“, sagen die Leute. Komm, und sieh dir das Elend an! Sieh dir die Verwesung an. Sieh dir unser todgeweihtes Leben an!

Jesus geht zur Grabeshöhle, die mit einem Stein verschlossen ist und befiehlt: „Rollt den Stein weg!“

Tja, und da wird Martha unsicher. Sie fällt zurück in alte Gesetzmäßigkeiten. Anstatt weiterhin auf Jesus zu schauen, wendet sie nun ihren Blick wieder dem Unglück zu. Von Glauben ist nichts mehr zu spüren.

„Aber Herr“, sagt sie, „er stinkt doch schon! Er liegt sein vier Tagen im Grab!“

Jesus wendet sich ihr wieder zu und sagt: „Martha, ich habe dir doch gesagt, dass du die Herrlichkeit Gottes sehen wirst, wenn du nur Glauben hast.“

Der Leichnam stinkt – er stinkt zum Himmel. Niemand will das sehen. Niemand will das riechen.

Wenn etwas faul ist im Leben, wenn etwas tot ist, krank, verwesend… dann liegt es ja nahe, dafür zu sorgen, dass niemand Wind davon bekommt, dass keiner das riecht. Verstecken und wegschließen. Luftdicht abriegeln. Gefährlicher Schrott. Leichen im Keller. Verschwiegenes Leid.

Aber Gott will anscheinend das Gegenteil. Er will die Tür zu den Grabeskammern unserer Welt und unseres Daseins öffnen.

Es ist nämlich gut, wenn das, was uns zersetzt und zusetzt, was uns traurig und krank macht, wenn das alles ans Licht kommt. Wenn es zum Himmel stinken kann. Denn nur dann kann der Himmel eingreifen, und der Geist Gottes kann wehen, wo er will, auch bis in die tiefste, nach Verwesung stinkende Grabeshöhle hinein – unseres Lebens, unseres Miteinanders, unserer Gesellschaft.

„Ich habe dir doch gesagt: du wirst die Herrlichkeit Gottes sehen, wenn du nur Glauben hast!“

Der Stein von der Grabkammer, in der Lazarus liegt, wird weggerollt. Und aller Augen richten sich wie gebannt auf das Grab, auf das Grauen des Todes. Der Tod ist so stark. Das Leid ist so groß. Der Schmerz ist so groß. Die Enttäuschung ist so groß. Wir Menschen können nur schwer unseren Blick losreißen und unser Herz zurücknehmen. Wir schauen wie gebannt auf das Grab, wie das Kaninchen auf die Schlange.

Jesus – schaut nicht auf das Grab. Er schaut zum Himmel, zu Gott, den er Vater nennt, und von dem er Hilfe und Rettung erwartet.

Jesus betet: „Vater, ich weiß, dass du mich immer erhörst, auch ohne Worte. Aber wegen der Menschen, die hier stehen, bitte ich dich. Damit sie glauben, dass du mich zu ihnen gesandt hast.“ Und dann ruft er laut: „Lazarus, komm heraus!“

Die Geschichte erzählt:

Der Tote kam heraus. Seine Hände und Füße waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Tuch verhüllt. Jesus sagte: „Nehmt ihm all das ab, und lasst ihn nach Hause gehen.“

Viele Leute aus der Stadt, die zu Maria gekommen waren und alles miterlebt hatten, begannen, an Jesus zu glauben. Aber einige von ihnen gingen zu den Gegnern von Jesus und berichteten ihnen, was er getan hatte, und sie begannen, Jesu Tötung zu planen.

Ist es wirklich wahr? Hat Jesus wirklich Lazarus hier und jetzt von den Toten auferweckt? Das übersteigt mein Fassungsvermögen und meinen Verstand. Aber ich will nicht behaupten, mein Verstand sei das Maß aller Dinge. Schon gar nicht, wenn Gottes Dimension ins Spiel kommt.

***

Als Lesende und Hörende der Geschichte stehen wir zunächst einmal Seite an Seite mit den Jüngern Jesu, die ihn begleiten. Schauen wir daher noch mal den Anfang der Geschichte an: Als Jesus sich entschied, zurück nach Judäa zu gehen, zu seinem kranken Freund Lazarus, da wusste er: Er rennt seinen Gegnern ins offene Messer. Das wussten auch seine Jünger. Einer von ihnen, Thomas, formulierte es so: „Auf, gehen wir mit Jesus und sterben mit ihm!“

Für mich stellt sich die Frage: Haben wir den Mut, mit Jesus – mit Gott – dorthin zu gehen, wo Krankheit, Trauer, Leid, Verzweiflung oder sogar Tod warten? Oder haben wir Angst davor, ohnmächtig zu sein und die Ohnmacht nicht aushalten zu können? Oder dadurch selbst in Gefahr zu geraten? In Lebensgefahr? Vielleicht auch in die Gefahr, dass Antworten schal werden, dass das eigene Lebensmodell angekratzt wird? Die eigenen Überzeugungen an Halt verlieren? Unser Glaube an die Menschheit? Dass das Gottesbild, das wir haben, bröckelt?

Was mir an den Jüngern gefällt, ist: Sie gehen mit. In die Todeszone. In die Gefahrenzone. Und – sie werden Zeuge eines Wunders.

Nehmen Sie heute doch einen der folgenden Gedanken mit nach Hause:

  • Halten Sie sich in der Krise nicht an religiösen Überzeugungen fest. Sondern an Jesus Christus, Ihren Freund, der von sich sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Lassen Sie Ihren Blick auch nicht von der Not in Bann ziehen, sondern richten Sie Ihren Blick auf Gott, von dem die Hilfe kommt.
  • Jesus gibt der Krankheit und der Not eine neue Ausrichtung: Nicht mehr die Verzweiflung, sondern die Verherrlichung. Nicht mehr der Tod, sondern das Leben.
  • Rollen Sie den Stein weg, und gestatten Sie Gottes Geist Zutritt zu dem, was in Ihrem Leben, in Ihren Beziehungen, in unserer Gesellschaft faul ist. Was tot ist. Was stinkt und verwest. Lassen Sie es zum Himmel stinken! Gottes Geist macht neu, lebendig und gesund.
  • Fassen Sie Mut, Menschen aufzusuchen, vor deren Not Sie zunächst zurückschrecken. Gehen Sie hin, Gott tut es auch. Vielleicht werden Sie ein Wunder erleben.

Amen.

Er war´s – sie war´s

Kleine Beziehungsschule mit Adam und Eva

(Genesis 3)

 

Eine kleine Beziehungsschule mit Adam und Eva?! Ausgerechnet mit denen?! Das ist doch dieses verrückte Flower-Power-Paar, das eine Zeitlang lang nackt im Paradies-Camp wohnte. Das sich ausschließlich von Obst ernährte und allen Tieren besondere Namen gab. Das mit Gott per „du“ war und gelegentlich mit ihm spazieren ging. Ach ja, und waren Adam und Eva nicht auch die mit dem Apfel? Dem Apfel von dem verbotenen Baum?

Aber warum war der Baum jetzt gleich noch mal verboten… War das Obst giftig? Oder mit Pestiziden gespritzt? Und irgendwas hatte die ganze Sache doch mit Gott zu tun… und mit dem Tod… und mit einer Schlange… und irgendwie haben Adam und Eva doch ziemlich peinlich reagiert… aber wie war das noch genau?

Lesen wir doch einfach noch mal in der Bibel nach, 1. Mose 3:

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: „Ja, sollte Gott etwa gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“

Da sprach das Weib zu der Schlange: „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!“

Da sprach die Schlange zum Weibe: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“

Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten.

Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: „Wo bist du?“

Und er sprach: „Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“

Und er sprach: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?“

Da sprach Adam: „Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“

Da sprach Gott der HERR zum Weibe: „Warum hast du das getan?“

Das Weib sprach: „Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.“

 

Aha. So war das also. Keiner will schuld sein. Jeder schiebt die Schuld einem anderen zu. Aber beide haben ein schlechtes Gewissen. Sonst hätten sie sich ja nicht vor Gott versteckt. Also sind doch beide schuldig geworden. Keiner wurde überredet. Keiner wurde mit diesem Apfel zwangsernährt. Die Schlange hat Eva nicht gedroht: „Wenn du nicht in den Apfel beißt, dann beiße ich dich tot!“ Und auch Eva hat Adam nicht erpresst: „Wenn du mich liebst, dann iss den Apfel!“

Nein! Eva und Adam haben aus eigener Entscheidung heraus das Gebot Gottes überschritten, in voller Verantwortung für ihr Tun.

Der Mensch ist von Gott geschaffen worden – als Mann und als Frau. Und der Mensch fällt von Gott ab – als Mann und als Frau. Und kaum ist die Frucht gegessen, fühlen sich beide voreinander bloßgestellt. Unschuld und Unbefangenheit im Umgang miteinander sind verloren, und stattdessen schämen sich die beiden voreinander.

Und dann: Die Begegnung mit Gott. Der Schöpfer geht im Paradies spazieren, auf der Suche nach seinen Geschöpfen. Aber die Krone der Schöpfung, der Mensch, ist nicht zu finden. Er versteckt sich vor Gott. Und warum? Weil die Schlange recht hatte: Wer von der Frucht des verbotenen Baumes isst, der weiß danach, was gut und was böse ist. Der Mensch weiß nun, was gut und was böse ist und er spürt, dass er etwas Böses getan hat. Das schlechte Gewissen ist erwacht.

Aber der Schöpfer liebt seine Geschöpfe und gibt nicht auf. Er sucht das Verlorene. Er ruft nach Adam und spricht ihn direkt auf seine Grenzüberschreitung an. Und dann geschieht das Unfassbare: Müsste nicht Adam jetzt vor Gott stehen und bekennen: „Gott, es tut mir so leid. Ich habe einen Fehler gemacht.“

Doch nichts dergleichen. Adam weiß ja jetzt, was gut und was böse ist. Was richtig und was falsch ist. Was Recht ist und was Unrecht ist. Darum ist die erste Rede an Gott eine Selbstverteidigungsrede. Denn Tatsache ist: Eva ist die Böse! Eva hat ihm die Frucht hingehalten. Die Frau, die Gott persönlich ihm zur Seite gestellt hat! Jetzt klagt Adam nicht nur Eva an, sondern Gott gleich mit! Schließlich hat Gott diese Frau geschaffen. Und diese Kreatur – die ist schuld an der ganzen Misere. Oder zumindest mitschuldig.

Seltsam, jetzt ist kein Wort mehr davon, dass Eva aus der Rippe von Adam kommt. Das sie quasi ein Teil ist von ihm. Das beide aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Zueinander gehören. „Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch“. Eins miteinander. Ebenbürtig. Vertraut. Ein echtes Gegenüber, eine Freundin. Seine Hilfe. Seine große Liebe!

Von wegen. Adam ist fertig. Fertig mit Eva und fertig mit seiner Selbstverteidigung.

Daher wendet Gott sich nun an die beschuldigte Eva: „Warum hast du das getan?“

Ich glaube nicht, dass Gott damit meint: Warum hast du deinen armen Ehemann zu einer bösen Tat verlockt? Sondern Gottes Frage bezieht sich wieder auf die Ursprungssituation: „Eva, warum hast du mein Gebot missachtet und eine Frucht von dem verbotenen Baum gegessen?“

Die richtige Antwort wäre gewesen: „Ach Gott! Die Früchte dufteten so herrlich und sahen so lecker aus, und außerdem wollte ich gerne so klug sein wie du. Ich habe einen großen Fehler gemacht. Ich habe meine eigene Lust höher geachtet als die Beziehung zu dir. Es tut mir so leid.“

Stattdessen: „Die Schlange (die du, Gott, geschaffen hast), hat mich getäuscht. Verführt.“

Eva macht es genauso wie Adam: Sie verweist auf einen anderen Schuldigen und klagt zugleich Gott an, der ja der Schöpfer der Schlange ist.

Das Ergebnis: Die Vertrautheit zwischen Adam und Eva ist hin. Die Vertrautheit zwischen Gott und den Menschen ist hin. Alles ist hin. Sünde macht einsam.

Das Dilemma ist ja: Wenn der eine anfängt, sich zu verteidigen und die Schuld von sich zu weisen, muss der andere Not gedrungen auch damit anfangen, sonst hat man ruck zuck eine Konstellation, in der immer ein Partner der Sündenbock ist und einer das Unschuldslamm. Hätte Adam zu Gott gesagt: „Tut mir leid. Ich habe einen Fehler gemacht.“ Dann hätte Eva vielleicht gesagt: „Tut mir leid, Gott, ich habe Adam den Apfel gegeben. Er ist gar nicht schuld. Adam, es tut mir so leid. Verzeih mir!“ Dann hätte Adam vielleicht gesagt: „Nein, Eva, ich stand die ganze Zeit dabei, als die Schlange mit dir sprach. Ich hätte dich unterstützen sollen. Ich hätte dich beschützen sollen. Du bist nicht schuld. Ich bin schuld. Verzeih mir.“ Und dann hätten Adam und Eva sich weinend in den Armen gelegen. Und die Schlange, die hätte blöd aus der Wäsche geguckt, und Gott hätte die Verhandlung verschoben auf die Zeit nach den Flitterwochen. Vielleicht hätte er sich auch so dermaßen über die beiden gefreut, dass er die Anklage zurückgezogen hätte.

Apropos Anklage – erstaunlich: Eigentlich gab es ja gar keine Anklage. Jedenfalls so lange nicht, bis Adam sie erhoben hat. Gegen Eva. Und gegen Gott. Und bis Eva sie erhoben hat: Gegen die Schlange. Und gegen Gott.

Tja, die Anklage war erhoben – die Verhandlung wurde eröffnet. Die beiden Reden zur Verteidigung waren gesprochen. Und was nun? Nun kommt das Urteil.

Ich lese weiter in 1. Mose 3:

Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: „Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“

Und zum Weibe sprach er: „Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.“

Und zum Manne sprach er: „Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“

Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der HERR machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. Und Gott der HERR sprach: „Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!“

Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb die Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim, die Engel, mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

 

Die Schlange wird verflucht. Zum ersten Mal in der Geschichte der Welt werden Mensch und Schöpfung entzweit. Entfremdet voneinander. Der Mensch tritt die Kreatur mit Füßen, und die Kreatur bringt den Menschen zu Fall. Beschuldigung führt zu Entfremdung.

Adam und Eva werden bestraft. Das Leben ist nun nicht mehr eitel Sonnenschein.

Das Leben wird weitergehen – ja. Eva wird Kinder zur Welt bringen – ja, aber unter Angst und Schmerzen. Eva wird weiterhin mit Adam zusammen sein können. Aber nicht mehr ebenbürtig, freudvoll und ehrenvoll, sondern in einem Verhältnis von Unterwerfung und Beherrschung, Sieg und Niederlage.

Adam bekommt ebenfalls seine Strafe: Er wird zwar seine Familie ernähren können, aber das nur mit Mühe und Schweiß, Stress, Enttäuschung, Fehlschlägen und Missernten, Disteln und Dornen. Keine paradiesischen Zustände mehr. Und wenn er sich abgearbeitet hat, wird er sterben.

Und das Schlimmste an der Sache ist: Die Folgen der Grenzüberschreitung tragen Adam und Eva nun nicht gemeinsam, sondern jeder leidet für sich. Denn die Vertrautheit und die Zusammengehörigkeit zwischen ihnen haben einen Bruch erlitten, in dem Moment, als sie gegeneinander vor Gericht zogen, als sie andere beschuldigten: Er war´s – sie war´s!

Zum Glück liebt Gott seine Menschen. Er lässt seine gebrochenen und entzweiten Geschöpfe mit ihrer Not nicht allein. Er ist fürsorglich. Als erstes macht er ihnen Kleider, das heißt: Gott stellt sie nicht voreinander und vor der Welt bloß, sondern er hüllt sie liebevoll und wärmend ein. Und dann schickt er sie aus dem Paradies. Nicht etwa, weil er ihnen das Paradies nicht gönnt, sondern: Weil mitten im Paradies der Baum des ewigen Lebens steht. Und das Schlimmste, was Adam und Eva jetzt passieren könnte, ist, dass sie in ihrer vertrackten Situation auch noch vom Baum des ewigen Lebens essen und damit das eigene gebrochene Leben, das zerstörte Vertrauen und die unheile Beziehung verewigen, zementieren.

Außerhalb des Paradieses sein, ist nicht nur Strafe. Sondern außerhalb des Paradieses findet auch die Begnadigung statt. In dem Moment, in dem ein Mensch beginnt, die eigene Schuld zu bekennen: in dem Moment gewinnt die Gnade Raum. Das galt schon zu Zeiten des Alten Testaments und wurde durch Jesus Christus besiegelt. Der Apostel Johannes, einer der ersten Christen, fasst es in folgende Worte: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“

Was können wir heute von Adam und Eva lernen?

Macht es anders! Überschreitet nicht die guten Grenzen, die euch gesetzt sind und die die eigene Integrität und die des Gegenübers wahren.

Beschuldigt nicht einander, sondern bekennt eure eigene Schuld und ebnet damit den Weg für den anderen, Schuld zu bekennen und dennoch seine Würde zu behalten.

Macht Gott oder das Schicksal nicht für eure Entscheidungen und die Folgen verantwortlich!

Tja, schön wär´s. Dummerweise stehen die meisten von uns aber nicht am Anfang einer Beziehung, sondern haben die erste, zweite oder x-te Runde Grenzüberschreitung, Verletzung, Beschuldigung, Anklage schon hinter sich – oder stecken gerade mitten im Prozess.

Wir wissen dann schon: Wer eine gute und sinnvolle Grenze überschritten hat, der wird sich danach schämen, der wird etwas Persönliches, Intimes, vielleicht auch Verletzliches verbergen müssen, der wird Geheimnisse haben, die der Beziehung vielleicht nicht gut tun – so wie Adam und Eva ihre Nacktheit erkannten und sie voreinander verbargen, mit dem legendären Feigenblatt.

Wir wissen dann auch: Wer die Schuld einem anderen zuschiebt, dem Partner, der Umwelt, der Gesellschaft, der Umgebung, der zerstört damit das Vertrautheitsgefühl, das Zugehörigkeitsgefühl. Der vereinsamt in seinem Beharren auf das Recht. Der sieht das Paradies mit seinen Kreaturen nicht mehr als Heimat, der sieht auch seinen Partner nicht mehr als Geschenk des Himmels, als segnendes Gegenüber, sondern als etwas Feindliches.

Und wenn wir uns die Geschichte von Adam und Eva zu Herzen nehmen, dann gibt es nur eine Lösung: Raus aus dem Paradies. Rein in die harte Realität. Dann muss der verfluchte Acker bearbeitet werden. Dann muss der Mensch schwitzen und sich abmühen. Dann muss er seine Verantwortung wahrnehmen und Fürsorge lernen. Dann muss man die Erfahrung machen, dass man es schaffen kann. Dass man sich das Glück hart erarbeiten muss. Dass es auch Schmerz und Angst und Stress mit sich bringt, Leben zu geben und groß zu ziehen. Aber auch Freude! Gemeinsamkeit! Dass man sich investiert. Dann man spürt: wir hängen aneinander, wir gehören zusammen, wir bilden eine Gemeinschaft.

Gott hat zwar bewaffnete Engel vor die Tür zurück zum Paradies gestellt, aber er selbst ist schon lange nicht mehr im Paradies. Das Paradies ist unbewohnt. Gott hat sich auf den Weg gemacht, um bei seinen Menschen zu sein. Denn der Segen, den er den beiden zugesprochen hat, der wird auch durch die Vertreibung aus dem Paradies nicht aufgehoben. Er kann sichtbar und spürbar werden, da wo Menschen versuchen, das Leben miteinander zu meistern. Da wo ein Mensch in dem Partner wieder das gesegnete und segnende Gegenüber erkennt, das Gott ihm als Hilfe zur Seite gestellt hat. Da wo Menschen ihre Umgebung als von Gott geschenkten Lebensraum und als ihr Zuhause erkennen. Da wo Menschen Schuld bekennen, würdevoll handeln und Versöhnung suchen.

Dazu ermutigen uns Adam und Eva, der gefallene Mann, die gefallene Frau – deren Verbindung trotz allem Leben hervorbrachte und die zu Urmutter und Urvater aller Menschen geworden sind.

Großes Herz! Es reicht für alle

Sieben Woche ohne Enge (Fastenaktion 2016)

(Predigt zu Markus 6, 10-44)

Das ist wieder mal typisch Jesus: Lebt offensichtlich an der Realität vorbei. 5000 Männer, dazu die Frauen. Und die Kinder. Alle sitzen, stehen, drängen sich erwartungsvoll um Jesus und seine Jünger. Seit dem frühen Morgen. Da hatte es auch nichts gebracht, dass Jesus mit dem Boot an ein anderes Ufer aufgebrochen ist. So was spricht sich ja schnell rum! Kaum hatten die Leute es mitbekommen, sind sie dorthin gerannt, um das Boot in Empfang zu nehmen. Und hatten es schnell noch vorher ihren Freunden weitergesagt – heute hätte man die Botschaft getwittert: „Er kommt in eure Nähe, los, nichts wie hin!“

Tja, und wir wissen ja, was so ein Satz auslösen kann … Die Menschen strömen herbei. In Scharen. Und Jesus, wie er so ist, hat sich wieder mal erbarmt! Ist wieder mal für diese vielen bedürftigen Menschen da. Spricht zu ihnen. Heilt und ermutigt sie.

Und als es Abend wird, sind alle müde und hungrig. Klar. Die Jünger halten kurz Rat miteinander und treten dann auf ihren Meister zu. Mit einer guten Idee: „Jesus, schick die Leute in die umliegenden Dörfer, damit sie sich was zu essen kaufen.“ Gut, die umliegenden Dörfer sind natürlich nicht vorbereitet auf 5000 Männer, plus Frauen und Kinder. Aber das ist ja dann nicht mehr das Problem der Jünger.

Und was sagt Jesus? „Gebt ihr ihnen zu essen!“

Gebt ihr ihnen zu essen! Das ist doch ein Witz, oder?

Ich stelle mir vor, wie Petrus Jesus beiseite nimmt, ihm jovial den Arm um die Schulter legt und sagt: „Mein lieber Rabbi! Wir, die Jünger – die kein regelmäßiges Einkommen mehr haben, seit wir mit dir unterwegs sind – wir sollen also Brot kaufen? Für, sagen wir mal, 200 Silberstücke, also umgerechnet… 7 Monatsgehälter? Warte mal, ich guck mal, was ich noch so an Geld dabei habe… Ups! Wird wohl nicht ganz reichen!“

„Wieviel Essen habt ihr denn? “, fragt Jesus. „Seht doch mal nach…“ Ich denke, Petrus lacht auf, die anderen Jünger lachen ebenfalls auf. Und dann sehen sie mal nach.

***

Die Welt ist in Bewegung. Menschenmassen suchen täglich Schutz und Hilfe in Ländern, in denen kein Krieg tobt. In denen kein Hunger herrscht. In denen keine Verfolgung droht. Gut, einige sind sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge. Die einfach nicht akzeptieren wollen, dass es nun mal ärmere und reichere Länder gibt. Die ein genauso großes Stück vom Kuchen abhaben wollen wie wir. Oder zumindest ein etwas Größeres als bisher.

Und ein Teil dieser vielen Menschen, die auf der Flucht sind, sucht Hilfe und Schutz und Perspektive in Europa. Und ein Teil davon in Deutschland.

Es ist ja nur ein Teil. Aber ja, es sind viele. Sehr viele. Kein Wunder, dass man da auf die Idee kommt, die Menschen wieder nach Hause zu schicken. Als ob es da für die meisten von ihnen überhaupt noch das gibt, was wir ein Zuhause nennen. Einen Ort der Geborgenheit. Einen Ort, an dem man sich auskennt. An dem man Leben gestalten kann. An dem man sich abends getrost schlafen legt.

Na gut, vielleicht nicht einfach wieder nach Hause. Aber halt in andere Dörfer. In andere Gegenden. In andere Länder. Los, verteilt euch halt!

Ja, es sind viele. Diese Menschen alle aufzunehmen und zu versorgen, ist … nicht möglich. Stellt euch vor, wenn alle kämen! Was dann hier los wäre! Ja, und das kostet Geld! Weit mehr als 7 Monatsgehälter. Wie soll denn das gehen? Ratlosigkeit macht sich breit.

***

Jesus aber ist die Ruhe selbst. „Wie viel habt ihr denn?“, fragt er. „Seht doch mal nach… Bevor wir die Menschen wegschicken, lasst uns mal prüfen, was da ist!“

Die Jünger sehen nach, und das Ergebnis lautet: 5 Brote und 2 Fische. Das ist allerdings ernüchternd. In einer anderen Fassung der Geschichte lesen wir, dass diese 5 Brote und 2 Fische das sind, was ein Junge mitgebracht hat. Also einer, der alles gibt, was er hat. Ein Kind. Und die anderen?

Ich frage mich: Hatten die anderen, die 5000 und mehr, wirklich nichts dabei? Keinen Proviant? Nichts? Oder hätten sie schon noch was gehabt. Aber wenn sie´s in den gemeinsamen Topf werfen … nun dann wird das Bisschen ja durch 5000 Männer geteilt. Dazu die Frauen. Und die Kinder. Da kann man sich ja ausrechnen, was dabei für einen selbst herumkommt. Der einzige, der wohl nicht rechnet, ist dieser Junge, dieses Kind, das seine Brote und Fische hergegeben hat.

Und was ist mit den Jüngern? Die so nah an Jesus dran waren? Haben die auch nichts mehr dabei? Das kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Ich meine, da war doch Judas, der das Geld der Gruppe gut verwaltete. Der hatte doch immer noch was in der Tasche. Oder Petrus und die anderen Fischer. Hatten die keinen einzigen Fisch mehr?

Neulich habe ich im Radio von einem spannenden soziologischen Experiment gehört: Da wurden 100 Menschen in einen Raum gesetzt. Jeder von ihnen bekam 100 Euro in die Hand gedrückt. Und dann sagte der Spielleiter: „Jeder von euch hat die Möglichkeit, einen Teil des Geldes in diesen Topf hier in der Mitte zu werfen. Soviel Geld, wie dort zusammen kommt, lege ich als Spielleiter noch mal drauf. Und diese Summe wird dann gleichmäßig unter alle 100 Mitspieler verteilt.“

Ich sehe jetzt schon die ersten unter Ihnen rechnen … Wenn jeder seine 100 Euro in den Topf wirft, dann sind das 10.000 Euro. Und wenn der Spielleiter den gleichen Betrag dazu legt, dann sind das 20.000 Euro. Geteilt durch 100 Mitspieler … macht: 200 Euro für jeden! Doppelt so viel. Ja, das ist doch ein Deal, oder?

Na, ein oder zwei rechnen heimlich weiter … „Es gibt da ja noch eine Alternative: Wenn ich meine 100 Euro behalte… dann sind zwar im Topf nur 9.900. Verdoppelt 19.800. Geteilt durch 100 sind … 198 Euro pro Mitspieler … Dann komme ich zusammen mit meinen 100 Euro am Ende auf … fast 300 Euro! Ja, das nenne ich mal einen Deal! Das finden die anderen natürlich nicht so gut, aber sie bekommen ja noch genug. Also was soll´s!“ Solange jeder sehen konnte, was eingeworfen wird, haben übrigens fast alle mitgemacht und ihren Teil beigetragen.

Mit einer anderen Gruppe wird das gleiche Spiel im Dunkeln gespielt. Niemand kann sehen, ob der andere seine hundert Euro in den Topf wirft oder nicht. Und siehe da: Jetzt behalten ganz viele ihr Geld für sich, und haben dennoch Anteil am gemeinsamen, nun nicht mehr so großen Gewinn. Einige gehen nach dieser Variante im Dunkeln mit ziemlich wenig Geld nach Hause, sie haben nämlich alles gegeben. Aber im gemeinsamen Topf … nun, da war dennoch nicht so viel drin. Weil zu viele eben nichts gegeben hatten.

***

„Wieviel habt ihr denn“, fragt Jesus. „Seht doch mal nach…“ 5 Brote und 2 Fische. Ein Armutszeugnis. So viele Menschen. Und so viele haben scheinbar nichts gegeben. Und was tut Jesus? Schimpft er mit den Leuten? Mahnt er sie zu besserem Verhalten? Befiehlt er, alle Taschen umzustülpen? Erlässt er neue Gesetze?

Nein. Jesus hakt nicht weiter nach. Er diskutiert nicht. Er nimmt das, was da ist. Und: Er verleiht dem ganzen Geschehen eine neue Struktur und einen neuen Charakter: Er lässt die Menschen sich lagern. Platz nehmen. Und zwar tischweise. Jetzt wuseln nicht mehr alle durcheinander, sondern sie finden sich zusammen. Auf dem grünen Gras. In Gruppen zu 50 und zu 100. Aus der unpersönlichen Menge werden kleine, überschaubare Gemeinschaften.

Jesus füttert nicht einfach ab. Sondern er bittet als Gastgeber zu Tisch. Er verändert die Atmosphäre. Er verwandelt die Situation. Weg von einem Notstand. Hin zu einer Tischgemeinschaft. Zu einem Festmahl des Miteinanders. Wie ein guter jüdischer Hausvater nimmt er die 5 Brote und die 2 Fische, blickt zum Himmel auf, dankt und gibt sie den Jüngern: „Teilt das Essen aus. An alle!“, sagt er. Und dann passiert das Wunder.

Sie essen. Und sie werden satt. 5000 Männer. Dazu die Frauen. Und die Kinder. Danach sammeln die Jünger die Reste ein. Und es bleiben 12 Körbe voll übrig.

Ich hätte  so gerne gesehen, was zwischen diesem Auftrag: „Teilt das Essen aus!“ – und dem Satz „und sie aßen und wurden satt“ genau passierte!

Wir haben es ja nicht so mit Wundern. Außer beim Fußball. Und weil wir es nicht so mit Wundern haben, gibt es in der Theologie die Theorie, dass es bei der Speisung der 5000 so war: Als die Leute sahen, dass der kleine Junge bereit war, sein Essen herzugeben; und als Jesus sie so schön in Tischgemeinschaften aufteilte … da packten dann doch alle ihr verstecktes Pausenbrot aus, warfen es in den gemeinsamen Topf, teilten miteinander und aßen zu Abend. Das Abendmahl, sozusagen. Es war also gar kein Wunder.

Ehrlich sagt: Für mich wäre das ein Riesen-Wunder!

Nahrung produzieren. Das ist heute kein Problem mehr. Im industrialisierten Zeitalter. Es dauert nicht mehr lange, dann kann Fleisch hergestellt werden, für das kein Tier geschlachtet werden musste. Dann kann Brot verteilt werden, das aus dem Labor statt aus dem Backofen kommt. Essen für alle produzieren? Dazu braucht es kein Wunder mehr.

Wir brauchen ein größeres Wunder als die Verdoppelung der Moleküle. Wir brauchen das Wunder, dass ein Mensch seine Gesinnung ändert. Denn dann würden wir ein Verteilungswunder erleben! Nicht ausgelöst durch Gesetze, sondern durch Sinneswandel.

„Wieviel habt ihr denn?“, fragt Jesus. „Schaut doch mal nach…!“

Schauen wir uns die Lage mal an. Es gibt Menschen, die barmherzig sind. Die grundsätzlich von der Gemeinschaft her denken und handeln. Aber ebenso gibt es Situationen, in denen Solidarität und Fürsorge an ihre Grenzen stoßen. Früher oder später. Und bei manchen Zeitgenossen muss man lange suchen, bevor man ein Quäntchen Güte findet.

In unserem Land brennen derzeit wieder Häuser. Häuser, in denen Menschen Schutz und Obdach finden sollen. Zufluchtsstätten. Das ist kein Zeichen von Güte. Im Gegenteil: Das ist ein Warnsignal! Und dann die Bilder in den Nachrichten. Von Menschen, die einen Bus voller Flüchtlinge belagern. Von Menschen, die grölend um ein brennendes Haus herum stehen und „Wir sind das Volk“ grölen. Ist das „mein Volk“?

Es gibt kein Gütesiegel für „Die Deutschen“. Genau so wenig wir für „Die Afrikaner“. „Die Syrer“. „Die Amerikaner“. „Die Briten“. „Die Christen“. „Die Moslems“. „Die Flüchtlinge“. Ich fühle mich sehnsuchtsvoll verbunden mit denen, die Frieden stiften. Ich bin dankbar dafür, Bürgerin eines Landes zu sein, in dem die Würde des Menschen unantastbar ist. In einem Land, aus dem die Menschen nicht mehr fliehen. Sondern in dem Menschen Zuflucht suchen vor Unfreiheit und Ungerechtigkeit. Was für eine Ehre für unser Land!

Aber machen wir uns nichts vor: Nicht alle Menschen werden ihren Teil in den gemeinsamen Topf werfen. Damit müssen wir leben. Damit muss auch die Politik rechnen. Aber zugleich dürfen wir doch träumen: Von einer Gemeinschaft, die sich nicht in Sieger und Verlierer teilt. Nicht in Ost und West. Nord und Süd. Arm und Reich. Mächtig und ohnmächtig. Spieler und Spielball. Wo Menschen sich als Verlierer fühlen, werden sie nach Wegen suchen, auf die Siegerseite zu gelangen. Und nicht wenige werden dabei über Leichen gehen. Gewalt anwenden. Rechtsradikalen Parolen folgen. Sich dem Terror anschließen. Den Westen verdammen. Um bloß nicht Verlierer zu sein.

Für ein gerechtes Miteinander zu sorgen, ist eine der größten Herausforderungen unserer globalen Gesellschaft. Und ob das überhaupt möglich ist, kann man bezweifeln. Zu viele tun alles dafür, um ihren Reichtum zu erhalten, um auf der Siegerseite zu bleiben.

Und es wäre ja ein Wunder, wenn sich daran etwas ändern würde! Es wäre ein Wunder!

Keine Zauberkunststücke mit Brot und Fisch. Sondern die Erneuerung der menschlichen Gesinnung. Mit dem Ziel einer Gemeinschaft, in der Güte und Gerechtigkeit unser Handeln bestimmen. Dieses Wunder lässt sich in keinem Labor bewerkstelligen. Es ist eine Herzensangelegenheit. Ein solcher Sinneswandel ist nicht machbar. Sondern ist göttliche Gnade. Wirken des Geistes Gottes in uns Menschen.

Der Apostel Paulus schrieb vor 2000 Jahren an die Christen in Rom, dem damaligen Zentrum der politischen und wirtschaftlichen Macht: „Stellt euch nicht der Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist: Nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“.

***

Doch noch einmal zurück zu den 5 Broten und 2 Fischen. Nehmen wir einmal an, das ist wirklich alles, was da ist, um tausende von Menschen zu sättigen.

Wir wissen: Das geht nicht. Aber Jesus sagt: Verteilt es. Und die Jünger verteilen es.

Mehr können wir als Christinnen und Christen manchmal nicht tun: Auf Gott hören. Das leben, was wir glauben. Das tun, was Christus uns zu tun aufträgt. Auf sein Wort hin können wir der Hoffnung mehr Recht einräumen als dem Zweifel. Das Chaos unserer Welt in eine Tischgemeinschaft verwandeln. Teilen, was wir haben. Und entweder gemeinsam scheitern. Oder aber gemeinsam erleben, wie das Unmögliche geschieht.

***

„Gebt ihr ihnen zu essen!“, sagt Jesus. Wenn wir also, im Großen wie im Kleinen, vor Herausforderungen stehen, die in unseren Augen unsere Möglichkeiten übersteigen, dann lasst uns gemäß der „Jesus-Taktik“ erst mal nachsehen, was da ist. Und wenn da wirklich nur 5 Brote und 2 Fische sind, dann ist das eben der Anfang!

Legen wir Zeugnis ab von dem, was uns erfüllt, was uns umtreibt, was uns Hoffnung gibt! Ergreifen wir doch mutig Partei für diejenigen, die unseren Mut und unsere Güte nötig haben. Suchen wir der Stadt Bestes! Suchen wir der Welt Bestes! Wir sind dabei in guter Gesellschaft.

Jesus nahm die fünf Brote und die zwei Fische. Er hob seinen Blick zum Himmel, dankte Gott. Und gab sie seinen Jüngern zurück mit den Worten: Verteilt sie an alle. Und alle wurden satt. Und es blieb noch viel übrig – bereit, verteilt zu werden. An weitere 5000 Männer, dazu die Frauen, und die Kinder.

Drachenträumer. Roman für Kinder (Leseprobe)

Drachenträumer. Roman für Kinder

Leo liebt Drachen. Er weiß alles über sie. Und dass es in Wirklichkeit keine Drachen gibt, ist seine größte Traurigkeit. An einem Wintermorgen kann Leo nicht zur Schule gehen. Er ist erkältet. Und während er im Bett liegt und aus dem Dachfenster schaut, passiert es: Aus einer dicken Regenwolke springt ein Drache hervor! Ein echter Drache. Und er bleibt nicht der einzige. Leo kann Drachen erwecken! Aus Wolken, Rauch, Wind und Schneegestöber. Seiner besten Freundin Katharina erzählt er davon. Sie glaubt ihm, im Gegensatz zu seiner Schwester Emmi-Jane.

Eines Nachts klopft etwas an Leos Fenster. Es sind die Drachen. Sie sind in großer Gefahr. Der schreckliche Sternendrache wurde erweckt. Und die Spuren führen zu Leo.

Für Leo beginnt eine abenteuerliche Reise. Auf dem Rücken eines Drachen. Nach Norden. Zum Polarlicht. Ob Leo den Drachen helfen kann? Zum Glück bleibt Leo nicht allein. Katharina und Emmi-Jane folgen ihm, auf dem Rücken eines geflügelten Einhorns…

Für Kinder ab 8 Jahre.

Noch nicht erschienen.

Leseprobe

Eines Nachts klopfte etwas an mein Fenster. Es war ein Drache! Du willst wissen, wie es dazu kam? Hier ist meine Geschichte. Aber sie ist nichts für schwache Nerven.

1

Ich bin Leo. Leo Voss. Ich bin elf Jahre alt. Und ich liebe Drachen. Über alles. Ich habe alle Bücher gelesen, in denen Drachen vorkommen. Und natürlich alle Filme geschaut. Jeden Monat liegt in unserem Supermarkt eine neue Zeitschrift über Drachen. Die kaufe ich mir. Jedes Mal. Von meinem Taschengeld. Es ist erstaunlich, dass ich dort immer wieder Neues über Drachen lernen kann. Wenn du mich fragst, welche meine Lieblingsdrachen sind, muss ich erst mal fragen: Aus welcher Geschichte? Denn es gibt wirklich viele Drachen.

Hier sind meine Favoriten: Aus der Film „Drachenzähmen leicht gemacht“ sind es Ohnezahn (der von Hicks gezähmte Drache), Skrill (ungezähmt) und Schneegeist (ebenfalls nicht gezähmt). Aus dem Buch „Eragon“ sind es Shuckran (der Drache des bösen Galbatorix), Dorn (der Drache von Murtgh) und Saphira (die Drachin von Eragon). Das sind meine Lieblingsdrachen. Und ich würde alles dafür geben, einem davon wirklich und ganz in echt zu begegnen.

Aber das geht nicht. Und das ist meine größte Traurigkeit: Es gibt keine Drachen.

Ich habe aber noch eine zweite größte Traurigkeit: Ich kann nicht fliegen.

Mein Papa ist Segelflieger, und ich bin schon gelegentlich mit ihm geflogen. Das ist wirklich toll, und wenn ich 14 Jahre alt bin, will ich selbst den Segelflugschein machen.

Aber das ist natürlich etwas ganz anderes, als wirklich selbst fliegen zu können. Ohne ein Flugzeug. Ohne Start- und Landebahn. Ohne dafür eine Menge Geld zu bezahlen. Einfach fliegen zu können. Das wäre schön.

Neulich habe ich mit meiner Mum darüber gesprochen. Sie legt sich abends zuweilen noch zu mir (das möchte ich so, auch wenn ich schon elf bin. Ich finde, abends im Bett kann man echt gut reden).

Ich habe ihr von meinen zwei größten Traurigkeiten erzählt. Und sie hat nicht gelacht und gesagt: „Ach Leo, so ist das halt. Drachen gibt es nicht, und Fliegen kann man auch nicht. Viel wichtiger ist: Hast du die Englischvokabeln für morgen gelernt? Du schreibst doch eine Arbeit, oder?“

Wenn sie in solchen Momenten so was sagen würde, dann wären unsere Gute-Nacht-Gespräche aber ganz schnell beendet. Nein, sie sagte: „Ach Leo, das verstehe ich gut. Ich wünschte auch, es gäbe Drachen. Und ich wünschte auch, ich könnte fliegen.“

Da war ich irgendwie erleichtert.

Und dann erzählte sie mir, wie es ihr ging, als sie ein Kind war. Da hat sie oft nachts vom Fliegen geträumt. So real, dass sie am nächsten Morgen nicht wusste, ob es ein Traum oder Wirklichkeit gewesen war. Sie hat in der Straße, in der sie wohnte (eine Sackgasse) hinten auf dem Wendeplatz ihre Startposition eingenommen. Dann ist sie losgerannt, mit weit ausgebreiteten Armen. Und spätestens vor ihrem Haus ist sie vom Asphalt abgehoben und dann direkt hinein geflogen in den Sonnenuntergang. Und dann flog sie, solange sie wollte.

„Das Problem damals“, erklärte sie mir, „war der Start. Wenn der einmal gemeistert war, war der Rest ein Kinderspiel.“

Ich schwieg eine Weile. Dann fragte ich sie, ob sie heute auch noch manchmal vom Fliegen träume. Jetzt, wo sie erwachsen war. Und sie sagte: „Ja. Aber anders. Als Kind war die größte Herausforderung der Start. Wenn ich jetzt vom Fliegen träume, ist das größte Problem, oben zu bleiben. Und davon träume ich dann.“

Als sie das sagte, hatte sie irgendwie eine seltsame Stimme. Und da wusste ich, dass auch meine Mum diese zweite größte Traurigkeit kennt. Ich nahm ihren Kopf zwischen meine Hände und küsste sie sanft auf die Stirn. Das tue ich manchmal und fühle mich dabei sehr groß, auch wenn ich körperlich gesehen eher noch ziemlich klein bin.

„Gute Nacht“, sagte ich zu meiner Mum, „du kannst jetzt schlafen gehen“.

Da lachte sie. Das klang sehr schön. „Na, vielen Dank, dass ich jetzt schlafen gehen darf“, erwiderte sie und stand auf. Wobei sie noch hinzufügte, dass mein Bett das gemütlichste im ganzen Haus sei. Dann gab sie mir auch einen Gute-Nacht-Kuss (auf die Wange) und verließ mein Zimmer.

Natürlich vergaß sie, die Tür zu schließen. Das hasse ich. Denn dann habe ich das Gefühl, nicht allein mit meinen Gedanken zu sein. Und wenn ich denke, will ich nicht gestört werden. Weder durch Licht, noch durch überflüssige Geräusche. Nachdem ich sie also ermahnt hatte, die Tür zu schließen – was sie auch tat – begann ich, noch einmal über meine erste große Traurigkeit nachzudenken. Drachen. Beziehungsweise eben keine Drachen. Dabei schaute ich aus dem Fenster.

Dazu muss ich etwas erklären, denn ohne dieses Fenster hätte die ganze Geschichte vermutlich niemals begonnen.

Mein Fenster ist nicht einfach irgendein Fenster. Es ist ein Dachfenster. Aber kein kleines, sondern ein richtig großes. Es nimmt fast die ganze Dachschräge ein, Länge mal Breite. Das liegt auch daran, dass mein Zimmer sehr klein ist. Mein gemütliches Bett ist antik, und es ist auch kürzer als die Betten von heute (sonst würde es auch nicht in mein Zimmer passen). Es gehörte meinem Urgroßvater, als der noch ein Kind war.

Wenn ich im Bett liege, dann ist über mir der Himmel. Nur die Fensterglasscheibe trennt uns voneinander. Mein Zimmer zeigt nach Nord-Osten. Ich kann abends zuweilen den Mond sehen, wenn er schon etwas höher gestiegen ist. Und bei klarem Himmel sehe ich die Sterne. Die Nordsterne unserer Milchstraße. Das ist wunderschön.

Ich stelle mir dann vor, dass die Sterne magische Punkte sind, die man mit einem Zauberstift verbinden muss. Und wenn man die richtigen Sterne miteinander verbindet, dann entsteht das Bild eines Drachen. Und dieser wird lebendig. Er stößt einen Feuerstrahl aus purem Sternenlicht aus, schlägt mit seinem Kometen-Drachen-Schwanz um sich und wischt dabei die kleineren Sterne in der Umgebung vom Nachthimmel, so dass sie als Sternschnuppen auf die Erde fallen. Dann breitet er seine von Sternenlicht glänzenden Drachenschwingen aus und fliegt davon, einfach davon…

So denke ich es mir.

Mit dem Finger fahre ich die Linien nach, die der Zauberstift malen würde. Die Sterne stehen still und starr, sie schimmern und funkeln. Ich sehe ganz genau die Drachenflügel, den starken Rücken, den gezackten Drachenschwanz, die Klauen und natürlich den Kopf des Drachen. Und über dem Kopf die drei kleinen Sterne. Ich verbinde sie mit einem Finger zu einer Krone. Einer Drachenkrone.

Wunderschön sieht er aus, mein Drache. Wunderschön glitzern die Sterne.

Aber sie bewegen sich nicht vom Fleck. Zumindest nicht so schnell, dass ich dabei zusehen kann. Die Erde dreht sich langsam. Zu langsam für mich.

Als ich vier Jahre alt war, so erzählt meine Mum, habe ich wohl einmal sehr geseufzt. Aus heiterem Himmel. Sie hat mich dann gefragt, was denn los wäre. Und ich habe noch einmal geseufzt und dann gesagt: „Ach, die Welt ist mir zu klein.“

So zumindest erzählt es meine Mum. Und ich muss sagen, ich sehe das heute noch so. Die Welt ist mir zu klein! Zu langweilig und zu öde. Ohne Drachen.

Ich wende mich ab von dem Sternendrachenbild am Himmel, drehe mich um und kuschele meinen Kopf in mein Kissen. Dann weine ich noch ein bisschen vor dem Einschlafen. Weil es keine Drachen gibt. Und ich sag mal so: Drachen, die es nicht gibt, sind ja wohl jede Träne wert.

Ich habe übrigens eine große Schwester. Sie heißt Emmi-Jane. Sie wird bald vierzehn Jahre alt. Und von ihr muss ich euch erzählen, weil sie in der Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Emmi-Jane kann nämlich etwas ganz Besonderes: Wenn man schlechte Laune hat, dann kann sie einem wieder gute Laune machen. Und wenn es ein Problem gibt, dann sieht sie nicht nur das Problem, sondern sie sieht die Lösung. Und darum kann man mit Emmi-Jane natürlich auch richtig viel Spaß haben. Nur eines stört mich.

Und das ist auch ein Grund dafür, dass die Geschichte fast schlecht ausgegangen wäre. Meiner Schwester mangelt es nämlich an Glauben.

Wenn ich zum Beispiel beim Abendessen zuhause erzähle, dass ich bei einem unserer Besuche bei Oma und Opa – ich weiß nicht mehr genau, wann das war – Wölfe gesehen habe, dann guckt sie mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und sagt in diesem ganz bestimmten Tonfall, so dass man sofort merkt, sie glaubt mir nicht: „Wööölfe. Aha.“ Und dabei zieht sie das „ö“ von „Wölfe“ in die Länge, und ich habe das Gefühl, ich muss jetzt sofort beweisen, dass ich die Wahrheit sage.

Es ist nämlich so: Mein Opa und meine Oma besitzen ein Grundstück, das ist eigentlich ein ganzes Tal. Es führt ein Wassergraben hindurch. Und gegen Abend kann man vom Balkon aus Tiere sehen, die aus dem Wald kommen oder sogar in unserem Tal zuhause sind: Rehe, ein Feldhase, eine Fuchsfamilie und zwei Bienenvölker. Ja, wirklich!

Und einmal, da bin ich mir ganz sicher, da habe ich – es war schon spät abends und fast dunkel – fünf Wölfegesehen. Sie kamen aus dem Gebüsch am Rand des Grundstücks. Sie jagten mit ihrer wilden Wolfsmähne und peitschenden Schwänzen durch das Tal und verschwanden auf der anderen Seite im Wald. Es ging alles rasend schnell. Ja, genau so war es. Ich bin mir ganz sicher. Das waren Wölfe. Und ich habe sie gesehen. Und dann schaut Emmi-Jane mich so schräg von der Seite an, runzelt die Stirn und sagt „Wööölfe. Aha.“

Und genau so ist es, wenn ich von Drachen rede. Erst findet sie es interessant, aber irgendwann sagt sie: „Ach, Leo, es gibt doch gar keine Drachen.“

Sie hat einfach keinen Glauben.

Ja, und dann ist sie wieder da: Meine große Traurigkeit.

Anders ist es mit meiner besten Freundin Katharina. Manchmal denke ich, Katharina ist die einzige, die mich wirklich versteht. Mit ihr teile ich meine Leidenschaft für Drachen. Sie spielt in dieser Geschichte ebenfalls eine ganz wichtige Rolle.

Katharina glaubt fest an Drachen. Auch wenn sie noch nie einen in echt gesehen hat. Sie hat, wie ich, alle Drachenbücher gelesen. Und sie hilft mir, mein Drachenbuch abzuschreiben. Ja, ich habe ein Buch über Drachen geschrieben. Genau wie einer meiner Helden aus einer Drachengeschichte.

Ich habe zu jedem Drachen, den ich kenne, eine Power-Point-Folie erstellt.. Auf dem Computer von Daddylot. So nenne ich meinen Papa.

Und das schreibe ich nun noch mal ab. Mit einem Füller und echter schwarzer Tinte. In ein Schreibbuch mit Ledereinband. Das sieht sehr edel und sehr alt aus. Und Drachen sind ja auch schon sehr alt. Daher finde ich, das passt besser als die Power-Point-Folien.

Und wenn Katharina mich besucht, schreibt sie eben auch mal eine Seite für mich ab. Das ist gut, denn mit der Hand zu schreiben, strengt sehr an, finde ich. Wir sind fast so etwas wie Geschwister. Drachengeschwister. Unser Zuhause ist der Wald, der an das kleine Dorf angrenzt, in dem wir beide wohnen. Im Wald haben Katharina und ich uns ein Versteck gebaut. Das kennt keiner außer uns. Und ich werde mich hüten, zu verraten, wie man dort hingelangt. Noch nicht mal meiner Schwester Emmi-Jane habe ich den Weg gezeigt.

Dort in unserem Versteck spielen wir, wir wären selbst Drachen. Katharina kann richtig gut spielen, dass sie fliegen kann. Sie läuft dann durch den Wald und schwenkt ihre Arme und ruft laut: „Ich bin ein Drache, ich kann fliegen! Ich kann fliegen! Schaut alle her, wie ich fliege! Schaut und staunt!“

Und dann schaue ich und staune. Sie macht das wirklich gut.

Meine Leidenschaft für Drachen ist nicht erst gestern entflammt. Ich verehre sie schon lange. Und ich wünschte, ich wünschte so sehr, ich würde eines Tages einem echten Drachen begegnen.

Ich bin da. Und ich bin mächtig.

Meine Schwingen sind lebende Hitze, die Zacken auf meinem Rücken aus stechendem Sternenglanz. Drei Sterne zieren die Krone, die ich trage.

Mein Drachenschwanz ist gewaltig. Wie ein Komet jage ich durch die unendlichen und eiskalten Weiten des Universums. Und bin doch nicht wie die kalten Brocken. Ich bin lebendiger Sternenwind. Mein Maul ist weit aufgerissen, und ich schlucke alles. Klein oder groß. Sternenstaub. Meteoriten. Asteroiden. Geröll. Monde. Planeten. Ich jage durch die Milchstraße und hinterlasse eine Spur von Finsternis und Leere. Denn ich nehme alles in mich auf.

Ich bin voll geballter Energie. Ich bin Zerstörung. Was ich speie, rast durch das Universum und findet sein Ziel. Immer.

Denn ich bin.

Der Junge hat mich erweckt. Er hat mich gesehen, aus weiter, weiter Ferne. Wie ich schlummerte. Eingesperrt, erstarrt im Funkeln der Sterne. In tiefem, tiefem Schlaf seit tausenden und aber tausenden von Jahren.

Doch nun bin ich wach und nicht mehr aufzuhalten. Mein Ziel steht mir klar vor Augen. Ich werde ihn finden. Und ich werde ihn vernichten. Ihn, den einzigen, die mir gefährlich werden kann.

(…)

 

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Gesunder Wettbewerb

Eine Wiederentdeckung der Ring-Parabel

Neulich ist mir mal wieder Lessings Ring-Parabel durch den Kopf gegangen. Anlass: Ich unterrichtete an einem Gymnasium Religion, und Thema des Unterrichts waren die Weltreligionen.

In der Klassenarbeit stellte ich die Frage: Wäre eine Welt ohne Religion besser? Und Bezug nehmen sollten die Kids der siebten Klasse dabei auf das schöne Lied von John Lennon “Imagine“. Stell dir vor, es gäbe weder Himmel noch Hölle. Keine Religion.

Eine Schülerin schrieb: Das wäre doch langweilig! Keine Religion. Keine verschiedenen Kulturen. Alle Menschen wären nur ein Volk und würden alle das gleiche auf die gleiche Art leben, feiern, glauben, blöd finden… Keine Vielfalt. Wie öde! Außerdem muss sich dann niemand mehr anstrengen, um die anderen davon zu überzeugen, dass der eigene Glaube gut ist.

Interessanter Gedanke… und dann fiel mir die Geschichte vom Ring ein. Von dem einen Ring, dem echten, dem wahren. Den der Vater von Generation zu Generation jeweils an seinen liebsten Sohn weitergibt. So lässt es der Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing den Propheten Nathan erzählen, und zwar dem Sultan. Der will nämlich wissen, welche der drei großen Weltreligionen die richtige ist: Judentum, Christentum oder Islam.

Und Nathan der Weise antwortet mit einer Geschichte über einen Vater und seine drei Söhne. Soll heißen: Über den einen Gott und seine drei monotheistischen (das heißt: es gibt nur einen Gott) Religionen.

Ja nun, sagt Nathan, stell dir vor, da ist ein Vater mit drei Söhnen. Er liebt sie alle gleich. Aber er hat nur einen einzigen Ring. Einen Ring mit besonderer Macht: Der Ring besitzt die Wunderkraft, beliebt zu machen, bei Gott und Menschen angenehm.

Wow! Der Ring sorgt dafür, dass sein Träger bei allen beliebt ist! Ja, und diesen einen Ring soll der Sohn erhalten, der dem Vater der liebste ist, der ihm gehorsam ist, der ihm ehesten entspricht. Der soll sein rechtmäßiger Erbe, Ringträger und Segensträger sein.

Nun sind dem Vater aber alle drei Söhne gleichermaßen lieb. Was tun?

Der Vater lässt zwei weitere Ringe anfertigen, die dem einen vollkommen gleichen. Dann mischt er sie, so dass er sie selber nicht mehr unterscheiden kann, und ruft der Reihe nach seine Söhne zu sich. Jedem von ihnen gibt er den einen Ring.

Geschickt! Denn woran erkennt man den richtigen Ring?

Daran, dass sein Träger bei allen beliebt ist!

Sprich: Jeder Sohn wird alles dafür tun, um bei den Menschen beliebt zu sein. Um sich auf diese Weise als der wahre Ringträger zu entpuppen.

Und: Die Menschen in der Umgebung werden den echten Ring daran erkennen, welcher der drei Söhne gut, gerecht und freundlich ist. Entweder, weil er wirklich magisch ist, oder weil seine Wunderkraft darin besteht, das Verhalten der Menschen zum Guten hin zu verändern und zu motivieren. Wer das kann, einen Menschen zum Tun des Guten hin zu verändern und zu motivieren – also ich würde sagen, das grenzt doch durchaus an ein Wunder.

Und so handeln die drei Söhne von jetzt an, so gut sie nur können, auf verschiedene und individuelle Weise. Und bestenfalls erfüllen sie ihren Job so gut, dass man bis zum Ende ihrer Zeit nicht mit Sicherheit sagen kann: Dieser ist der beste. Dieser trägt den echten Ring. Dieser ist in Wahrheit der rechtmäßige Erbe des Vaters.

Das nenne ich mal einen gesunden Wettbewerb. Gesund, weil die Welt durch ihn gesund wird. Heil. Weil er den Menschen und der Welt zum Guten dient.

Leider gibt es unter den Religionen auch einen sehr ungesunden Wettbewerb. Und ein Paradebeispiel dafür finde ich – auch das noch! – in der Bibel.

Elia, ein Prophet Jahwes (des Gottes von Israel), ist im Klintsch mit König Ahab. Dieser König nämlich dient nicht nur dem Gott Israels, sondern auch dem Gott Baal. Und seine Frau, die Königin, die ausschließlich dem Baal dient, wollte die Propheten Jahwes töten lassen. Sie wollte sie ausrotten! Weg mit dieser Religion! Einige konnten sich zum Glück verstecken…

Ja, und nun regnet es nicht mehr. Das ist die Strafe Gottes. Welches Gottes? Jahwes? Oder Baals?

König Ahab sagt, an der Trockenheit sei der Prophet Elia schuld. Elia sagt, an der Trockenheit sei König Ahab schuld.

Und dann reicht es Elia. Er fordert die 450 Baals-Propheten zum Wettkampf heraus. Welcher Gott kann Feuer vom Himmel werfen? Der soll dann als der wahre Gott gelten.

Es werden zwei Altäre gebaut. Einer für Baal, einer für Jahwe.

Und dann geht´s los. Die Baalspriester schlachten einen Stier und legen ihn auf das Holz. Dann tanzen sie um den Altar herum, sie ritzen sich ihre Haut blutig und beschwören ihren Gott, er möge das Holz in Brand stecken. Aber nichts passiert.

Dann ist Elia dran. Er richtet ebenfalls Holzscheite auf. Zerstückelt einen Stier, legt die Stücke aufs Holz. Lässt noch mal ordentlich Wasser darüber gießen, und dann betet er kurz: Lieber Gott, zeig deine Macht. Und – zusch! – fällt ein Blitz vom Himmel, und der Altar steht in Flammen.

Der Gott Israels hat gewonnen.

Ist die Sache damit geklärt? Nein!

Denn Elia ist jetzt erst so richtig in Fahrt gekommen. Das Adrenalin in seinem Blut ist überdosiert. Er lässt alle 450 Propheten Baals gefangen nehmen und bringt sie eigenhändig um.

Kurze Zeit später regnet es.

Ich weiß, diese Geschichte aus dem Alten Testament ist um vieles älter als die Ring-Parabel des aufklärerischen Schriftstellers Gotthold Ephraim Lessing. Daher muss man die Geschichten in ihrem zeitlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld sehen und darf sie nicht über einen Kamm scheren.

Aber mir kommt es zuweilen so vor, als würden eine Menge Menschen an einem Wettkampf der Religionen und Kulturen teilnehmen, der auf ähnlich ungesunde und zerstörerische Methoden zurückgreift wie damals Elia und Ahab. Anstatt auf gesunde Methoden (ja, ich finde, es gibt gesunden Wettbewerb) wie Nathan der Weise.

Warum nur? Geht es nicht anders? Muss immer gleich Feuer vom Himmel fallen? Muss immer erst alles explodieren und verbrennen? Bevor der Regen fällt?

Ich glaube nicht. Ich will so nicht glauben. Ich will anders glauben. Ich will die Kulturen und mit ihnen die Religionen in Vielfalt und in gesundem Wettbewerb erleben. Wie öde wäre die Welt, wenn alles eins und alles gleich wäre!

Warum nicht nebeneinander? Und dann wird sich im Laufe der Zeit zeigen, welcher Ring der echte ist. Oder es wird sich bis zum Ende aller Zeiten die Waage halten. Weil alle gleichermaßen gut und beliebt sind. Das wäre doch der Hammer! Das wäre doch vor allem für eines der Beweis: Dass Gott (welchen Namen auch immer er trägt) allen zutraut, sich durch Güte und Freundlichkeit als die beste Religion zu erweisen.

Verbitterte Menschen

Verbitterte Menschen
errichten um sich herum eine Mauer.
Sie bauen ihr eigenes Gefängnis.
Schließen sich ein:
Mit diesem Menschen rede ich kein Wort mehr.
In diese Firma setze ich keinen Fuß mehr.
Für diesen Laden mache ich keinen Finger mehr krumm.
Diesem Gott vertraue ich mich nicht mehr an.
 
Wie ein kleines Kind:
Jetzt halte ich die Luft an, bis ich tot bin,
und dann hast du dein Pech!
 
Bewegungslos.
Verhärtet.
Unantastbar.
Und so traurig.
 
Verbitterte Menschen
geben dem Leben keine Chance,
sie noch einmal glücklich zu machen.