Lazarus, komm heraus!

Auferstehungsgeschichten

(Johannes 11,1-44)

 

Es lag da einer krank… so beginnt diese unglaubliche Geschichte. Es lag da einer krank… das ist zunächst eine sehr alltägliche Mitteilung. Jeden Tag erkrankt jemand. Aber nicht jeden Tag erkrankt jemand, den wir lieben. Genau davon jedoch erzählt die Geschichte. Und genau darum ist sie auch nicht alltäglich.

Krank, und zwar sterbenskrank, wurde Lazarus, der Bruder von Martha und Maria. Drei Geschwister. Und in der Geschichte wird mehrmals darauf hingewiesen, wie eng vertraut Jesus mit diesen dreien war. Maria, die Frau, die Jesu Füße mit kostbarem Öl gesalbt und mit ihren Haaren getrocknet hatte. Lazarus, den Jesus lieb hatte. Martha, bei der Jesus gerne zu Gast war und gut versorgt wurde. Das Haus dieser drei Geschwister war so etwas wie ein zweites Zuhause für Jesus. Und darum erzählt diese Geschichte nicht von irgendeinem Kranken und irgendeiner Trauer und irgendeiner Heilung, sondern sie erzählt davon, dass das Unglück Menschen trifft, die eng mit Gott verbunden sind.

Das ist ein Ereignis, das Menschen, die an Gott glauben und mit Gott leben, in große Verzweiflung stürzen kann. Wie kann Gott das zulassen? Wie kann mein Schöpfer, mein Beschützer, mein Versorger, mein treuer Freund zulassen, dass uns, dass mich dieses Unglück trifft?

Maria und Martha können es auch nicht fassen. Jesus kommt zu spät. „Wärst du hier gewesen, Jesus, dann wäre unser Bruder nicht gestorben“, klagt Martha. Und ich höre den unausgesprochenen Vorwurf: Warum warst du nicht hier? Die Menschen, die mit Martha und Maria trauern, sehen es genauso: „Jesus hat einem Blinden, den er nicht kannte, durch ein Wunder das Augenlicht zurückgegeben – warum hat er nicht verhindert, dass dieser, sein Freund, sterben musste?“

Die Reaktion Jesu ist: Er ergrimmt! Er wird zornig. Wörtlich steht in der Bibel: Er schnaubt. Er regt sich auf. – Warum eigentlich? Ist er wütend auf den Tod? Oder auf die Menschen, die nicht glauben, dass seine Kraft stärker ist als der Tod? Oder ist er wütend auf sich selbst, weil er das Leid nicht verhindert hat? Wir können nur spekulieren. Tatsache ist: Er ist wütend. Energie liegt in der Luft.

Aber ich will noch einmal einen Schritt zurückgehen und auf ein paar Dinge aufmerksam machen, von denen ich glaube, dass sie für uns wichtig sein können.

(1) Als Jesus hört, dass sein Freund Lazarus krank geworden ist, eilt er nicht sofort zu ihm, sondern bleibt noch zwei Tage lang dort, wo er ist. Eine Erfahrung, die auch betende Menschen machen: Man ruft Gott zu Hilfe – und Gott kommt scheinbar einfach nicht!

Die Jünger allerdings haben für Jesus volles Verständnis, denn: Wenn Jesus zurück nach Judäa geht, das Gebiet, in dem Lazarus wohnt, setzt er sich selbst der Todesgefahr aus. In Judäa wartet die jüdische Obrigkeit nur darauf, Jesus fassen und töten zu können. Als Jesus dann doch aufbricht, ist klar: Er geht in die Höhle des Löwen.

Und ich stelle jetzt einen vielleicht gewagten Vergleich an: Wenn Gott unser Gebet hört und zu uns kommt in unserer Not, dann begibt er sich in Gefahr. In essentielle Gefahr. Es geht ans Eingemachte, denn jetzt muss Gott Stellung beziehen: Warum hat er das Leid überhaupt zugelassen? Jetzt gerät Gott unter Handlungsdruck: Jemand muss doch etwas tun! Rettung ist gefragt! Gott! Muss! Eingreifen! Gott muss doch helfen!

Als Jesus kommt, sagt Martha nicht nur: „Wenn du da gewesen wärst, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Sondern sie fährt sogleich fort: „Aber ich weiß, dass Gott dir auch jetzt keine Bitte abschlägt.“

Ist das eine Hoffnung? Gott – du kannst auch jetzt noch helfen!? Jesus antwortet ganz schlicht: „Dein Bruder wird auferstehen.“

Stellen Sie sich das mal vor: Wenn es wirklich Wunder gäbe!

Ich ahne, wie Marthas Herz schneller schlägt. Auferstehen! Ins Leben zurückkehren! Kann sie das glauben?

Nein. Das ist unmöglich. Bei aller Liebe: Auch Jesus selbst kann Tote nicht wieder lebendig machen. So weit reicht seine Macht nicht.

Als gute Christen versuchen wir ja in der Regel alles, um Gott aus dieser Misere zu helfen – genau wie Martha es jetzt versucht. Und damit komme ich zum zweiten Punkt.

(2) Martha entschließt sich dazu, Jesus die Möglichkeit zu geben, sich durch religiöse Jenseitsvertröstungen aus der Affäre zu ziehen. Sie sagt: „Ja, ich weiß, er wird auferstehen, wenn alle Toten lebendig werden, am letzten Tag.“

Ich müsste schmunzeln, wenn es nicht so tragisch wäre. Als Gläubige versuchen wir oft, die Ereignisse so zu deuten, dass Gott selbst dann noch gut dasteht, wenn die Welt im Leid ertrinkt: Gott lässt jetzt das Leid zu. Aber am Ende wird alles gut. Wir trösten uns und andere mit dem Glauben an ein Jenseits, in dem Gott alle Tränen abwischen wird. So wie Martha es tut. Oder: Es ist Gottes Wille, wir sollten uns fügen, denn Gott wird schon seinen Grund haben. Es hat alles seinen Sinn, auch wenn wir es jetzt noch nicht verstehen. Oder aber: Gott ist nicht allmächtig. Er kann das Leid und den Tod nicht verhindern. Seine Gegenwart zeigt sich in seinem Dasein, in seinem Mitleiden. Der Fehler liegt jedenfalls nicht bei Gott. Er liegt bei uns. Wir kapieren es halt nicht.

All diese Antworten sind möglicherweise nicht falsch. Und wir könnten sagen: Hut ab vor Martha, dass sie sich mitten in ihrer Trauer noch festhält an dem, was sie gelernt hat. Aber findet sie darin wirklich Trost? Oder nur Vertröstung?

Natürlich schützt Martha sich auf diese Weise auch – vor der großen Enttäuschung, dass ihre Hoffnung nicht erfüllt wird, dass sie letztlich ohne Trost bleiben könnte. Vor der verzweifelten Vorstellung, dass selbst Jesus hier einfach nicht helfen kann. Dass es etwas gibt, das stärker ist als die Liebe. Nämlich der Tod.

Und Jesus?

Jesus könnte nun sagen: „Genau, Martha, du hast es erkannt. Hier kann ich nichts tun außer bei euch sein. Aber am Ende wird alles gut. Da werden die Toten nämlich auferstehen. Versprochen.“

Es wäre so einfach für Jesus gewesen. Und Martha hätte akzeptiert. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Aber Jesus reagiert anders. Er schiebt alle theologischen Erklärungsversuche, alle frommen Redensarten und Jenseitsvertröstungen beiseite. Mit einem gewaltigen Wort holt er die ferne Zukunft des letzten Tages in die Gegenwart hinein und bindet die fromme Hoffnung an seine unmittelbar fassbare Person – jetzt. Gegenwärtig. Präsent. Schau mich an, Martha! „ICH BIN die Auferstehung und das Leben. Wer mich annimmt, wird leben, auch wenn er stirbt, und wer lebt und sich auf mich verlässt, der wird niemals sterben, in Ewigkeit nicht.“ Und dann fügt er noch die entscheidende Frage hinzu: „Glaubst du mir das?“

Martha nimmt an: „Ja, Herr, ich glaube,  habe den Glauben gewonnen, dass du der Heiland bist. Der versprochene Retter, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“

Es geht hier darum, ob wir im Glauben eine Zusage für unser Leben annehmen, oder sie im Unglauben ablehnen. Übrigens, eigentlich muss man das „ich glaube“, das Martha sprich, übersetzen mit „ich habe den Glauben gewonnen“. Denn: Diesen Glauben hat man nicht. Sonden dieser Glaube ergreift uns im Augenblick der Begegnung mit Gott. Glaube ist nicht statisch. Glaube haben wir nicht parat und rufen ihn ab, wenn wir ihn gerade brauchen. Glaube ist keine Lehre, sondern geschieht in der persönlichen Begegnung. Glaube lässt sich nicht argumentativ herbeireden, ebenso so wenig lässt Glaube sich argumentativ wegreden. Wie auch die Liebe sich weder herbeireden noch wegreden lässt.

Martha wird von Glauben ergriffen, in dem Moment, als sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf Jesus richtet, ihren Freund. Der von sich sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Und der ihr die Frage stellt: Glaubst du das? Vertraust du mir? Und sie vertraut ihm. Sie nennt ihn Christus. Gott in der Welt. Im Hier und Jetzt.

Wenn wir in der säkularisierten, westlichen Welt anfangen, über Gott und den christlichen Glauben zu diskutieren, stoßen wir immer wieder an die Grenzen unseres Verstands. Wenn wir in eine existentielle Krise geraten, können uns Argumente nicht retten. Und wir müssten unseren christlichen Glauben ad acta legen. Wenn da nicht die vielleicht schon langjährige, gewachsene Beziehung wäre, die Begegnung mit dem Lebendigen. Und die, vielleicht erstaunende, rettende Erfahrung: Ja, ich glaube.

(3) Noch ein drittes: Ist es nicht erstaunlich, was Jesus ganz zu Beginn über die Krankheit von Lazarus sagt? Für alle Mediziner steht fest: Krankheit zielt auf Tod hin. Am Schnupfen stirbt man nicht gleich – aber Krankheit gefährdet das Leben und zielt auf den Tod hin.

Jesus gibt der Krankheit von Lazarus ein neues Ziel, eine neue Ausrichtung. Er sagt: „Diese Krankheit dient dazu, die Herrlichkeit Gottes offenbar zu machen. Denn durch sie wird der Sohn Gottes zu seiner Herrlichkeit gelangen.“

Jesus wird hier im Johannesevangelium als derjenige dargestellt, der schon weiß, wohin das Ganze führt. Er weiß: Wenn er den toten Lazarus zum Leben erweckt, bedeutet das zugleich sein eigenes Todesurteil. Denn es wird sich herumsprechen. Dass er da ist. Dass er göttlich handelt. Dass er die Welt auf den Kopf stellt. Dass er darum gefährlich ist.

Man wird ihn in Judäa festnehmen und hinrichten.

Aber er wird auferstehen und von Gott verherrlicht sein.

Das sind hochtheologische Aussagen, die ich an dieser Stelle nicht weiter deuten möchte. Ich möchte nur auf den einen Gedanken hinweisen: Jesus gibt der Not seiner Freunde eine neue Ausrichtung: Die Not führt nicht mehr zu Verzweiflung und Tod, sondern ihr Ziel ist das Leben.

***

Jetzt aber zurück zu unserer Geschichte. Martha vertraut Jesus.

Und Jesus ist – aufgebracht. Er weint. „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ fragt er. „Komm und sieh!“, sagen die Leute. Komm, und sieh dir das Elend an! Sieh dir die Verwesung an. Sieh dir unser todgeweihtes Leben an!

Jesus geht zur Grabeshöhle, die mit einem Stein verschlossen ist und befiehlt: „Rollt den Stein weg!“

Tja, und da wird Martha unsicher. Sie fällt zurück in alte Gesetzmäßigkeiten. Anstatt weiterhin auf Jesus zu schauen, wendet sie nun ihren Blick wieder dem Unglück zu. Von Glauben ist nichts mehr zu spüren.

„Aber Herr“, sagt sie, „er stinkt doch schon! Er liegt sein vier Tagen im Grab!“

Jesus wendet sich ihr wieder zu und sagt: „Martha, ich habe dir doch gesagt, dass du die Herrlichkeit Gottes sehen wirst, wenn du nur Glauben hast.“

Der Leichnam stinkt – er stinkt zum Himmel. Niemand will das sehen. Niemand will das riechen.

Wenn etwas faul ist im Leben, wenn etwas tot ist, krank, verwesend… dann liegt es ja nahe, dafür zu sorgen, dass niemand Wind davon bekommt, dass keiner das riecht. Verstecken und wegschließen. Luftdicht abriegeln. Gefährlicher Schrott. Leichen im Keller. Verschwiegenes Leid.

Aber Gott will anscheinend das Gegenteil. Er will die Tür zu den Grabeskammern unserer Welt und unseres Daseins öffnen.

Es ist nämlich gut, wenn das, was uns zersetzt und zusetzt, was uns traurig und krank macht, wenn das alles ans Licht kommt. Wenn es zum Himmel stinken kann. Denn nur dann kann der Himmel eingreifen, und der Geist Gottes kann wehen, wo er will, auch bis in die tiefste, nach Verwesung stinkende Grabeshöhle hinein – unseres Lebens, unseres Miteinanders, unserer Gesellschaft.

„Ich habe dir doch gesagt: du wirst die Herrlichkeit Gottes sehen, wenn du nur Glauben hast!“

Der Stein von der Grabkammer, in der Lazarus liegt, wird weggerollt. Und aller Augen richten sich wie gebannt auf das Grab, auf das Grauen des Todes. Der Tod ist so stark. Das Leid ist so groß. Der Schmerz ist so groß. Die Enttäuschung ist so groß. Wir Menschen können nur schwer unseren Blick losreißen und unser Herz zurücknehmen. Wir schauen wie gebannt auf das Grab, wie das Kaninchen auf die Schlange.

Jesus – schaut nicht auf das Grab. Er schaut zum Himmel, zu Gott, den er Vater nennt, und von dem er Hilfe und Rettung erwartet.

Jesus betet: „Vater, ich weiß, dass du mich immer erhörst, auch ohne Worte. Aber wegen der Menschen, die hier stehen, bitte ich dich. Damit sie glauben, dass du mich zu ihnen gesandt hast.“ Und dann ruft er laut: „Lazarus, komm heraus!“

Die Geschichte erzählt:

Der Tote kam heraus. Seine Hände und Füße waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Tuch verhüllt. Jesus sagte: „Nehmt ihm all das ab, und lasst ihn nach Hause gehen.“

Viele Leute aus der Stadt, die zu Maria gekommen waren und alles miterlebt hatten, begannen, an Jesus zu glauben. Aber einige von ihnen gingen zu den Gegnern von Jesus und berichteten ihnen, was er getan hatte, und sie begannen, Jesu Tötung zu planen.

Ist es wirklich wahr? Hat Jesus wirklich Lazarus hier und jetzt von den Toten auferweckt? Das übersteigt mein Fassungsvermögen und meinen Verstand. Aber ich will nicht behaupten, mein Verstand sei das Maß aller Dinge. Schon gar nicht, wenn Gottes Dimension ins Spiel kommt.

***

Als Lesende und Hörende der Geschichte stehen wir zunächst einmal Seite an Seite mit den Jüngern Jesu, die ihn begleiten. Schauen wir daher noch mal den Anfang der Geschichte an: Als Jesus sich entschied, zurück nach Judäa zu gehen, zu seinem kranken Freund Lazarus, da wusste er: Er rennt seinen Gegnern ins offene Messer. Das wussten auch seine Jünger. Einer von ihnen, Thomas, formulierte es so: „Auf, gehen wir mit Jesus und sterben mit ihm!“

Für mich stellt sich die Frage: Haben wir den Mut, mit Jesus – mit Gott – dorthin zu gehen, wo Krankheit, Trauer, Leid, Verzweiflung oder sogar Tod warten? Oder haben wir Angst davor, ohnmächtig zu sein und die Ohnmacht nicht aushalten zu können? Oder dadurch selbst in Gefahr zu geraten? In Lebensgefahr? Vielleicht auch in die Gefahr, dass Antworten schal werden, dass das eigene Lebensmodell angekratzt wird? Die eigenen Überzeugungen an Halt verlieren? Unser Glaube an die Menschheit? Dass das Gottesbild, das wir haben, bröckelt?

Was mir an den Jüngern gefällt, ist: Sie gehen mit. In die Todeszone. In die Gefahrenzone. Und – sie werden Zeuge eines Wunders.

Nehmen Sie heute doch einen der folgenden Gedanken mit nach Hause:

  • Halten Sie sich in der Krise nicht an religiösen Überzeugungen fest. Sondern an Jesus Christus, Ihren Freund, der von sich sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Lassen Sie Ihren Blick auch nicht von der Not in Bann ziehen, sondern richten Sie Ihren Blick auf Gott, von dem die Hilfe kommt.
  • Jesus gibt der Krankheit und der Not eine neue Ausrichtung: Nicht mehr die Verzweiflung, sondern die Verherrlichung. Nicht mehr der Tod, sondern das Leben.
  • Rollen Sie den Stein weg, und gestatten Sie Gottes Geist Zutritt zu dem, was in Ihrem Leben, in Ihren Beziehungen, in unserer Gesellschaft faul ist. Was tot ist. Was stinkt und verwest. Lassen Sie es zum Himmel stinken! Gottes Geist macht neu, lebendig und gesund.
  • Fassen Sie Mut, Menschen aufzusuchen, vor deren Not Sie zunächst zurückschrecken. Gehen Sie hin, Gott tut es auch. Vielleicht werden Sie ein Wunder erleben.

Amen.

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