Großes Herz! Es reicht für alle

Sieben Woche ohne Enge (Fastenaktion 2016)

(Predigt zu Markus 6, 10-44)

Das ist wieder mal typisch Jesus: Lebt offensichtlich an der Realität vorbei. 5000 Männer, dazu die Frauen. Und die Kinder. Alle sitzen, stehen, drängen sich erwartungsvoll um Jesus und seine Jünger. Seit dem frühen Morgen. Da hatte es auch nichts gebracht, dass Jesus mit dem Boot an ein anderes Ufer aufgebrochen ist. So was spricht sich ja schnell rum! Kaum hatten die Leute es mitbekommen, sind sie dorthin gerannt, um das Boot in Empfang zu nehmen. Und hatten es schnell noch vorher ihren Freunden weitergesagt – heute hätte man die Botschaft getwittert: „Er kommt in eure Nähe, los, nichts wie hin!“

Tja, und wir wissen ja, was so ein Satz auslösen kann … Die Menschen strömen herbei. In Scharen. Und Jesus, wie er so ist, hat sich wieder mal erbarmt! Ist wieder mal für diese vielen bedürftigen Menschen da. Spricht zu ihnen. Heilt und ermutigt sie.

Und als es Abend wird, sind alle müde und hungrig. Klar. Die Jünger halten kurz Rat miteinander und treten dann auf ihren Meister zu. Mit einer guten Idee: „Jesus, schick die Leute in die umliegenden Dörfer, damit sie sich was zu essen kaufen.“ Gut, die umliegenden Dörfer sind natürlich nicht vorbereitet auf 5000 Männer, plus Frauen und Kinder. Aber das ist ja dann nicht mehr das Problem der Jünger.

Und was sagt Jesus? „Gebt ihr ihnen zu essen!“

Gebt ihr ihnen zu essen! Das ist doch ein Witz, oder?

Ich stelle mir vor, wie Petrus Jesus beiseite nimmt, ihm jovial den Arm um die Schulter legt und sagt: „Mein lieber Rabbi! Wir, die Jünger – die kein regelmäßiges Einkommen mehr haben, seit wir mit dir unterwegs sind – wir sollen also Brot kaufen? Für, sagen wir mal, 200 Silberstücke, also umgerechnet… 7 Monatsgehälter? Warte mal, ich guck mal, was ich noch so an Geld dabei habe… Ups! Wird wohl nicht ganz reichen!“

„Wieviel Essen habt ihr denn? “, fragt Jesus. „Seht doch mal nach…“ Ich denke, Petrus lacht auf, die anderen Jünger lachen ebenfalls auf. Und dann sehen sie mal nach.

***

Die Welt ist in Bewegung. Menschenmassen suchen täglich Schutz und Hilfe in Ländern, in denen kein Krieg tobt. In denen kein Hunger herrscht. In denen keine Verfolgung droht. Gut, einige sind sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge. Die einfach nicht akzeptieren wollen, dass es nun mal ärmere und reichere Länder gibt. Die ein genauso großes Stück vom Kuchen abhaben wollen wie wir. Oder zumindest ein etwas Größeres als bisher.

Und ein Teil dieser vielen Menschen, die auf der Flucht sind, sucht Hilfe und Schutz und Perspektive in Europa. Und ein Teil davon in Deutschland.

Es ist ja nur ein Teil. Aber ja, es sind viele. Sehr viele. Kein Wunder, dass man da auf die Idee kommt, die Menschen wieder nach Hause zu schicken. Als ob es da für die meisten von ihnen überhaupt noch das gibt, was wir ein Zuhause nennen. Einen Ort der Geborgenheit. Einen Ort, an dem man sich auskennt. An dem man Leben gestalten kann. An dem man sich abends getrost schlafen legt.

Na gut, vielleicht nicht einfach wieder nach Hause. Aber halt in andere Dörfer. In andere Gegenden. In andere Länder. Los, verteilt euch halt!

Ja, es sind viele. Diese Menschen alle aufzunehmen und zu versorgen, ist … nicht möglich. Stellt euch vor, wenn alle kämen! Was dann hier los wäre! Ja, und das kostet Geld! Weit mehr als 7 Monatsgehälter. Wie soll denn das gehen? Ratlosigkeit macht sich breit.

***

Jesus aber ist die Ruhe selbst. „Wie viel habt ihr denn?“, fragt er. „Seht doch mal nach… Bevor wir die Menschen wegschicken, lasst uns mal prüfen, was da ist!“

Die Jünger sehen nach, und das Ergebnis lautet: 5 Brote und 2 Fische. Das ist allerdings ernüchternd. In einer anderen Fassung der Geschichte lesen wir, dass diese 5 Brote und 2 Fische das sind, was ein Junge mitgebracht hat. Also einer, der alles gibt, was er hat. Ein Kind. Und die anderen?

Ich frage mich: Hatten die anderen, die 5000 und mehr, wirklich nichts dabei? Keinen Proviant? Nichts? Oder hätten sie schon noch was gehabt. Aber wenn sie´s in den gemeinsamen Topf werfen … nun dann wird das Bisschen ja durch 5000 Männer geteilt. Dazu die Frauen. Und die Kinder. Da kann man sich ja ausrechnen, was dabei für einen selbst herumkommt. Der einzige, der wohl nicht rechnet, ist dieser Junge, dieses Kind, das seine Brote und Fische hergegeben hat.

Und was ist mit den Jüngern? Die so nah an Jesus dran waren? Haben die auch nichts mehr dabei? Das kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Ich meine, da war doch Judas, der das Geld der Gruppe gut verwaltete. Der hatte doch immer noch was in der Tasche. Oder Petrus und die anderen Fischer. Hatten die keinen einzigen Fisch mehr?

Neulich habe ich im Radio von einem spannenden soziologischen Experiment gehört: Da wurden 100 Menschen in einen Raum gesetzt. Jeder von ihnen bekam 100 Euro in die Hand gedrückt. Und dann sagte der Spielleiter: „Jeder von euch hat die Möglichkeit, einen Teil des Geldes in diesen Topf hier in der Mitte zu werfen. Soviel Geld, wie dort zusammen kommt, lege ich als Spielleiter noch mal drauf. Und diese Summe wird dann gleichmäßig unter alle 100 Mitspieler verteilt.“

Ich sehe jetzt schon die ersten unter Ihnen rechnen … Wenn jeder seine 100 Euro in den Topf wirft, dann sind das 10.000 Euro. Und wenn der Spielleiter den gleichen Betrag dazu legt, dann sind das 20.000 Euro. Geteilt durch 100 Mitspieler … macht: 200 Euro für jeden! Doppelt so viel. Ja, das ist doch ein Deal, oder?

Na, ein oder zwei rechnen heimlich weiter … „Es gibt da ja noch eine Alternative: Wenn ich meine 100 Euro behalte… dann sind zwar im Topf nur 9.900. Verdoppelt 19.800. Geteilt durch 100 sind … 198 Euro pro Mitspieler … Dann komme ich zusammen mit meinen 100 Euro am Ende auf … fast 300 Euro! Ja, das nenne ich mal einen Deal! Das finden die anderen natürlich nicht so gut, aber sie bekommen ja noch genug. Also was soll´s!“ Solange jeder sehen konnte, was eingeworfen wird, haben übrigens fast alle mitgemacht und ihren Teil beigetragen.

Mit einer anderen Gruppe wird das gleiche Spiel im Dunkeln gespielt. Niemand kann sehen, ob der andere seine hundert Euro in den Topf wirft oder nicht. Und siehe da: Jetzt behalten ganz viele ihr Geld für sich, und haben dennoch Anteil am gemeinsamen, nun nicht mehr so großen Gewinn. Einige gehen nach dieser Variante im Dunkeln mit ziemlich wenig Geld nach Hause, sie haben nämlich alles gegeben. Aber im gemeinsamen Topf … nun, da war dennoch nicht so viel drin. Weil zu viele eben nichts gegeben hatten.

***

„Wieviel habt ihr denn“, fragt Jesus. „Seht doch mal nach…“ 5 Brote und 2 Fische. Ein Armutszeugnis. So viele Menschen. Und so viele haben scheinbar nichts gegeben. Und was tut Jesus? Schimpft er mit den Leuten? Mahnt er sie zu besserem Verhalten? Befiehlt er, alle Taschen umzustülpen? Erlässt er neue Gesetze?

Nein. Jesus hakt nicht weiter nach. Er diskutiert nicht. Er nimmt das, was da ist. Und: Er verleiht dem ganzen Geschehen eine neue Struktur und einen neuen Charakter: Er lässt die Menschen sich lagern. Platz nehmen. Und zwar tischweise. Jetzt wuseln nicht mehr alle durcheinander, sondern sie finden sich zusammen. Auf dem grünen Gras. In Gruppen zu 50 und zu 100. Aus der unpersönlichen Menge werden kleine, überschaubare Gemeinschaften.

Jesus füttert nicht einfach ab. Sondern er bittet als Gastgeber zu Tisch. Er verändert die Atmosphäre. Er verwandelt die Situation. Weg von einem Notstand. Hin zu einer Tischgemeinschaft. Zu einem Festmahl des Miteinanders. Wie ein guter jüdischer Hausvater nimmt er die 5 Brote und die 2 Fische, blickt zum Himmel auf, dankt und gibt sie den Jüngern: „Teilt das Essen aus. An alle!“, sagt er. Und dann passiert das Wunder.

Sie essen. Und sie werden satt. 5000 Männer. Dazu die Frauen. Und die Kinder. Danach sammeln die Jünger die Reste ein. Und es bleiben 12 Körbe voll übrig.

Ich hätte  so gerne gesehen, was zwischen diesem Auftrag: „Teilt das Essen aus!“ – und dem Satz „und sie aßen und wurden satt“ genau passierte!

Wir haben es ja nicht so mit Wundern. Außer beim Fußball. Und weil wir es nicht so mit Wundern haben, gibt es in der Theologie die Theorie, dass es bei der Speisung der 5000 so war: Als die Leute sahen, dass der kleine Junge bereit war, sein Essen herzugeben; und als Jesus sie so schön in Tischgemeinschaften aufteilte … da packten dann doch alle ihr verstecktes Pausenbrot aus, warfen es in den gemeinsamen Topf, teilten miteinander und aßen zu Abend. Das Abendmahl, sozusagen. Es war also gar kein Wunder.

Ehrlich sagt: Für mich wäre das ein Riesen-Wunder!

Nahrung produzieren. Das ist heute kein Problem mehr. Im industrialisierten Zeitalter. Es dauert nicht mehr lange, dann kann Fleisch hergestellt werden, für das kein Tier geschlachtet werden musste. Dann kann Brot verteilt werden, das aus dem Labor statt aus dem Backofen kommt. Essen für alle produzieren? Dazu braucht es kein Wunder mehr.

Wir brauchen ein größeres Wunder als die Verdoppelung der Moleküle. Wir brauchen das Wunder, dass ein Mensch seine Gesinnung ändert. Denn dann würden wir ein Verteilungswunder erleben! Nicht ausgelöst durch Gesetze, sondern durch Sinneswandel.

„Wieviel habt ihr denn?“, fragt Jesus. „Schaut doch mal nach…!“

Schauen wir uns die Lage mal an. Es gibt Menschen, die barmherzig sind. Die grundsätzlich von der Gemeinschaft her denken und handeln. Aber ebenso gibt es Situationen, in denen Solidarität und Fürsorge an ihre Grenzen stoßen. Früher oder später. Und bei manchen Zeitgenossen muss man lange suchen, bevor man ein Quäntchen Güte findet.

In unserem Land brennen derzeit wieder Häuser. Häuser, in denen Menschen Schutz und Obdach finden sollen. Zufluchtsstätten. Das ist kein Zeichen von Güte. Im Gegenteil: Das ist ein Warnsignal! Und dann die Bilder in den Nachrichten. Von Menschen, die einen Bus voller Flüchtlinge belagern. Von Menschen, die grölend um ein brennendes Haus herum stehen und „Wir sind das Volk“ grölen. Ist das „mein Volk“?

Es gibt kein Gütesiegel für „Die Deutschen“. Genau so wenig wir für „Die Afrikaner“. „Die Syrer“. „Die Amerikaner“. „Die Briten“. „Die Christen“. „Die Moslems“. „Die Flüchtlinge“. Ich fühle mich sehnsuchtsvoll verbunden mit denen, die Frieden stiften. Ich bin dankbar dafür, Bürgerin eines Landes zu sein, in dem die Würde des Menschen unantastbar ist. In einem Land, aus dem die Menschen nicht mehr fliehen. Sondern in dem Menschen Zuflucht suchen vor Unfreiheit und Ungerechtigkeit. Was für eine Ehre für unser Land!

Aber machen wir uns nichts vor: Nicht alle Menschen werden ihren Teil in den gemeinsamen Topf werfen. Damit müssen wir leben. Damit muss auch die Politik rechnen. Aber zugleich dürfen wir doch träumen: Von einer Gemeinschaft, die sich nicht in Sieger und Verlierer teilt. Nicht in Ost und West. Nord und Süd. Arm und Reich. Mächtig und ohnmächtig. Spieler und Spielball. Wo Menschen sich als Verlierer fühlen, werden sie nach Wegen suchen, auf die Siegerseite zu gelangen. Und nicht wenige werden dabei über Leichen gehen. Gewalt anwenden. Rechtsradikalen Parolen folgen. Sich dem Terror anschließen. Den Westen verdammen. Um bloß nicht Verlierer zu sein.

Für ein gerechtes Miteinander zu sorgen, ist eine der größten Herausforderungen unserer globalen Gesellschaft. Und ob das überhaupt möglich ist, kann man bezweifeln. Zu viele tun alles dafür, um ihren Reichtum zu erhalten, um auf der Siegerseite zu bleiben.

Und es wäre ja ein Wunder, wenn sich daran etwas ändern würde! Es wäre ein Wunder!

Keine Zauberkunststücke mit Brot und Fisch. Sondern die Erneuerung der menschlichen Gesinnung. Mit dem Ziel einer Gemeinschaft, in der Güte und Gerechtigkeit unser Handeln bestimmen. Dieses Wunder lässt sich in keinem Labor bewerkstelligen. Es ist eine Herzensangelegenheit. Ein solcher Sinneswandel ist nicht machbar. Sondern ist göttliche Gnade. Wirken des Geistes Gottes in uns Menschen.

Der Apostel Paulus schrieb vor 2000 Jahren an die Christen in Rom, dem damaligen Zentrum der politischen und wirtschaftlichen Macht: „Stellt euch nicht der Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist: Nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“.

***

Doch noch einmal zurück zu den 5 Broten und 2 Fischen. Nehmen wir einmal an, das ist wirklich alles, was da ist, um tausende von Menschen zu sättigen.

Wir wissen: Das geht nicht. Aber Jesus sagt: Verteilt es. Und die Jünger verteilen es.

Mehr können wir als Christinnen und Christen manchmal nicht tun: Auf Gott hören. Das leben, was wir glauben. Das tun, was Christus uns zu tun aufträgt. Auf sein Wort hin können wir der Hoffnung mehr Recht einräumen als dem Zweifel. Das Chaos unserer Welt in eine Tischgemeinschaft verwandeln. Teilen, was wir haben. Und entweder gemeinsam scheitern. Oder aber gemeinsam erleben, wie das Unmögliche geschieht.

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„Gebt ihr ihnen zu essen!“, sagt Jesus. Wenn wir also, im Großen wie im Kleinen, vor Herausforderungen stehen, die in unseren Augen unsere Möglichkeiten übersteigen, dann lasst uns gemäß der „Jesus-Taktik“ erst mal nachsehen, was da ist. Und wenn da wirklich nur 5 Brote und 2 Fische sind, dann ist das eben der Anfang!

Legen wir Zeugnis ab von dem, was uns erfüllt, was uns umtreibt, was uns Hoffnung gibt! Ergreifen wir doch mutig Partei für diejenigen, die unseren Mut und unsere Güte nötig haben. Suchen wir der Stadt Bestes! Suchen wir der Welt Bestes! Wir sind dabei in guter Gesellschaft.

Jesus nahm die fünf Brote und die zwei Fische. Er hob seinen Blick zum Himmel, dankte Gott. Und gab sie seinen Jüngern zurück mit den Worten: Verteilt sie an alle. Und alle wurden satt. Und es blieb noch viel übrig – bereit, verteilt zu werden. An weitere 5000 Männer, dazu die Frauen, und die Kinder.

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