Er war´s – sie war´s

Kleine Beziehungsschule mit Adam und Eva

(Genesis 3)

 

Eine kleine Beziehungsschule mit Adam und Eva?! Ausgerechnet mit denen?! Das ist doch dieses verrückte Flower-Power-Paar, das eine Zeitlang lang nackt im Paradies-Camp wohnte. Das sich ausschließlich von Obst ernährte und allen Tieren besondere Namen gab. Das mit Gott per „du“ war und gelegentlich mit ihm spazieren ging. Ach ja, und waren Adam und Eva nicht auch die mit dem Apfel? Dem Apfel von dem verbotenen Baum?

Aber warum war der Baum jetzt gleich noch mal verboten… War das Obst giftig? Oder mit Pestiziden gespritzt? Und irgendwas hatte die ganze Sache doch mit Gott zu tun… und mit dem Tod… und mit einer Schlange… und irgendwie haben Adam und Eva doch ziemlich peinlich reagiert… aber wie war das noch genau?

Lesen wir doch einfach noch mal in der Bibel nach, 1. Mose 3:

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: „Ja, sollte Gott etwa gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“

Da sprach das Weib zu der Schlange: „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!“

Da sprach die Schlange zum Weibe: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“

Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten.

Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: „Wo bist du?“

Und er sprach: „Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“

Und er sprach: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?“

Da sprach Adam: „Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“

Da sprach Gott der HERR zum Weibe: „Warum hast du das getan?“

Das Weib sprach: „Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.“

 

Aha. So war das also. Keiner will schuld sein. Jeder schiebt die Schuld einem anderen zu. Aber beide haben ein schlechtes Gewissen. Sonst hätten sie sich ja nicht vor Gott versteckt. Also sind doch beide schuldig geworden. Keiner wurde überredet. Keiner wurde mit diesem Apfel zwangsernährt. Die Schlange hat Eva nicht gedroht: „Wenn du nicht in den Apfel beißt, dann beiße ich dich tot!“ Und auch Eva hat Adam nicht erpresst: „Wenn du mich liebst, dann iss den Apfel!“

Nein! Eva und Adam haben aus eigener Entscheidung heraus das Gebot Gottes überschritten, in voller Verantwortung für ihr Tun.

Der Mensch ist von Gott geschaffen worden – als Mann und als Frau. Und der Mensch fällt von Gott ab – als Mann und als Frau. Und kaum ist die Frucht gegessen, fühlen sich beide voreinander bloßgestellt. Unschuld und Unbefangenheit im Umgang miteinander sind verloren, und stattdessen schämen sich die beiden voreinander.

Und dann: Die Begegnung mit Gott. Der Schöpfer geht im Paradies spazieren, auf der Suche nach seinen Geschöpfen. Aber die Krone der Schöpfung, der Mensch, ist nicht zu finden. Er versteckt sich vor Gott. Und warum? Weil die Schlange recht hatte: Wer von der Frucht des verbotenen Baumes isst, der weiß danach, was gut und was böse ist. Der Mensch weiß nun, was gut und was böse ist und er spürt, dass er etwas Böses getan hat. Das schlechte Gewissen ist erwacht.

Aber der Schöpfer liebt seine Geschöpfe und gibt nicht auf. Er sucht das Verlorene. Er ruft nach Adam und spricht ihn direkt auf seine Grenzüberschreitung an. Und dann geschieht das Unfassbare: Müsste nicht Adam jetzt vor Gott stehen und bekennen: „Gott, es tut mir so leid. Ich habe einen Fehler gemacht.“

Doch nichts dergleichen. Adam weiß ja jetzt, was gut und was böse ist. Was richtig und was falsch ist. Was Recht ist und was Unrecht ist. Darum ist die erste Rede an Gott eine Selbstverteidigungsrede. Denn Tatsache ist: Eva ist die Böse! Eva hat ihm die Frucht hingehalten. Die Frau, die Gott persönlich ihm zur Seite gestellt hat! Jetzt klagt Adam nicht nur Eva an, sondern Gott gleich mit! Schließlich hat Gott diese Frau geschaffen. Und diese Kreatur – die ist schuld an der ganzen Misere. Oder zumindest mitschuldig.

Seltsam, jetzt ist kein Wort mehr davon, dass Eva aus der Rippe von Adam kommt. Das sie quasi ein Teil ist von ihm. Das beide aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Zueinander gehören. „Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch“. Eins miteinander. Ebenbürtig. Vertraut. Ein echtes Gegenüber, eine Freundin. Seine Hilfe. Seine große Liebe!

Von wegen. Adam ist fertig. Fertig mit Eva und fertig mit seiner Selbstverteidigung.

Daher wendet Gott sich nun an die beschuldigte Eva: „Warum hast du das getan?“

Ich glaube nicht, dass Gott damit meint: Warum hast du deinen armen Ehemann zu einer bösen Tat verlockt? Sondern Gottes Frage bezieht sich wieder auf die Ursprungssituation: „Eva, warum hast du mein Gebot missachtet und eine Frucht von dem verbotenen Baum gegessen?“

Die richtige Antwort wäre gewesen: „Ach Gott! Die Früchte dufteten so herrlich und sahen so lecker aus, und außerdem wollte ich gerne so klug sein wie du. Ich habe einen großen Fehler gemacht. Ich habe meine eigene Lust höher geachtet als die Beziehung zu dir. Es tut mir so leid.“

Stattdessen: „Die Schlange (die du, Gott, geschaffen hast), hat mich getäuscht. Verführt.“

Eva macht es genauso wie Adam: Sie verweist auf einen anderen Schuldigen und klagt zugleich Gott an, der ja der Schöpfer der Schlange ist.

Das Ergebnis: Die Vertrautheit zwischen Adam und Eva ist hin. Die Vertrautheit zwischen Gott und den Menschen ist hin. Alles ist hin. Sünde macht einsam.

Das Dilemma ist ja: Wenn der eine anfängt, sich zu verteidigen und die Schuld von sich zu weisen, muss der andere Not gedrungen auch damit anfangen, sonst hat man ruck zuck eine Konstellation, in der immer ein Partner der Sündenbock ist und einer das Unschuldslamm. Hätte Adam zu Gott gesagt: „Tut mir leid. Ich habe einen Fehler gemacht.“ Dann hätte Eva vielleicht gesagt: „Tut mir leid, Gott, ich habe Adam den Apfel gegeben. Er ist gar nicht schuld. Adam, es tut mir so leid. Verzeih mir!“ Dann hätte Adam vielleicht gesagt: „Nein, Eva, ich stand die ganze Zeit dabei, als die Schlange mit dir sprach. Ich hätte dich unterstützen sollen. Ich hätte dich beschützen sollen. Du bist nicht schuld. Ich bin schuld. Verzeih mir.“ Und dann hätten Adam und Eva sich weinend in den Armen gelegen. Und die Schlange, die hätte blöd aus der Wäsche geguckt, und Gott hätte die Verhandlung verschoben auf die Zeit nach den Flitterwochen. Vielleicht hätte er sich auch so dermaßen über die beiden gefreut, dass er die Anklage zurückgezogen hätte.

Apropos Anklage – erstaunlich: Eigentlich gab es ja gar keine Anklage. Jedenfalls so lange nicht, bis Adam sie erhoben hat. Gegen Eva. Und gegen Gott. Und bis Eva sie erhoben hat: Gegen die Schlange. Und gegen Gott.

Tja, die Anklage war erhoben – die Verhandlung wurde eröffnet. Die beiden Reden zur Verteidigung waren gesprochen. Und was nun? Nun kommt das Urteil.

Ich lese weiter in 1. Mose 3:

Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: „Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“

Und zum Weibe sprach er: „Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.“

Und zum Manne sprach er: „Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“

Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der HERR machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. Und Gott der HERR sprach: „Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!“

Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb die Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim, die Engel, mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

 

Die Schlange wird verflucht. Zum ersten Mal in der Geschichte der Welt werden Mensch und Schöpfung entzweit. Entfremdet voneinander. Der Mensch tritt die Kreatur mit Füßen, und die Kreatur bringt den Menschen zu Fall. Beschuldigung führt zu Entfremdung.

Adam und Eva werden bestraft. Das Leben ist nun nicht mehr eitel Sonnenschein.

Das Leben wird weitergehen – ja. Eva wird Kinder zur Welt bringen – ja, aber unter Angst und Schmerzen. Eva wird weiterhin mit Adam zusammen sein können. Aber nicht mehr ebenbürtig, freudvoll und ehrenvoll, sondern in einem Verhältnis von Unterwerfung und Beherrschung, Sieg und Niederlage.

Adam bekommt ebenfalls seine Strafe: Er wird zwar seine Familie ernähren können, aber das nur mit Mühe und Schweiß, Stress, Enttäuschung, Fehlschlägen und Missernten, Disteln und Dornen. Keine paradiesischen Zustände mehr. Und wenn er sich abgearbeitet hat, wird er sterben.

Und das Schlimmste an der Sache ist: Die Folgen der Grenzüberschreitung tragen Adam und Eva nun nicht gemeinsam, sondern jeder leidet für sich. Denn die Vertrautheit und die Zusammengehörigkeit zwischen ihnen haben einen Bruch erlitten, in dem Moment, als sie gegeneinander vor Gericht zogen, als sie andere beschuldigten: Er war´s – sie war´s!

Zum Glück liebt Gott seine Menschen. Er lässt seine gebrochenen und entzweiten Geschöpfe mit ihrer Not nicht allein. Er ist fürsorglich. Als erstes macht er ihnen Kleider, das heißt: Gott stellt sie nicht voreinander und vor der Welt bloß, sondern er hüllt sie liebevoll und wärmend ein. Und dann schickt er sie aus dem Paradies. Nicht etwa, weil er ihnen das Paradies nicht gönnt, sondern: Weil mitten im Paradies der Baum des ewigen Lebens steht. Und das Schlimmste, was Adam und Eva jetzt passieren könnte, ist, dass sie in ihrer vertrackten Situation auch noch vom Baum des ewigen Lebens essen und damit das eigene gebrochene Leben, das zerstörte Vertrauen und die unheile Beziehung verewigen, zementieren.

Außerhalb des Paradieses sein, ist nicht nur Strafe. Sondern außerhalb des Paradieses findet auch die Begnadigung statt. In dem Moment, in dem ein Mensch beginnt, die eigene Schuld zu bekennen: in dem Moment gewinnt die Gnade Raum. Das galt schon zu Zeiten des Alten Testaments und wurde durch Jesus Christus besiegelt. Der Apostel Johannes, einer der ersten Christen, fasst es in folgende Worte: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“

Was können wir heute von Adam und Eva lernen?

Macht es anders! Überschreitet nicht die guten Grenzen, die euch gesetzt sind und die die eigene Integrität und die des Gegenübers wahren.

Beschuldigt nicht einander, sondern bekennt eure eigene Schuld und ebnet damit den Weg für den anderen, Schuld zu bekennen und dennoch seine Würde zu behalten.

Macht Gott oder das Schicksal nicht für eure Entscheidungen und die Folgen verantwortlich!

Tja, schön wär´s. Dummerweise stehen die meisten von uns aber nicht am Anfang einer Beziehung, sondern haben die erste, zweite oder x-te Runde Grenzüberschreitung, Verletzung, Beschuldigung, Anklage schon hinter sich – oder stecken gerade mitten im Prozess.

Wir wissen dann schon: Wer eine gute und sinnvolle Grenze überschritten hat, der wird sich danach schämen, der wird etwas Persönliches, Intimes, vielleicht auch Verletzliches verbergen müssen, der wird Geheimnisse haben, die der Beziehung vielleicht nicht gut tun – so wie Adam und Eva ihre Nacktheit erkannten und sie voreinander verbargen, mit dem legendären Feigenblatt.

Wir wissen dann auch: Wer die Schuld einem anderen zuschiebt, dem Partner, der Umwelt, der Gesellschaft, der Umgebung, der zerstört damit das Vertrautheitsgefühl, das Zugehörigkeitsgefühl. Der vereinsamt in seinem Beharren auf das Recht. Der sieht das Paradies mit seinen Kreaturen nicht mehr als Heimat, der sieht auch seinen Partner nicht mehr als Geschenk des Himmels, als segnendes Gegenüber, sondern als etwas Feindliches.

Und wenn wir uns die Geschichte von Adam und Eva zu Herzen nehmen, dann gibt es nur eine Lösung: Raus aus dem Paradies. Rein in die harte Realität. Dann muss der verfluchte Acker bearbeitet werden. Dann muss der Mensch schwitzen und sich abmühen. Dann muss er seine Verantwortung wahrnehmen und Fürsorge lernen. Dann muss man die Erfahrung machen, dass man es schaffen kann. Dass man sich das Glück hart erarbeiten muss. Dass es auch Schmerz und Angst und Stress mit sich bringt, Leben zu geben und groß zu ziehen. Aber auch Freude! Gemeinsamkeit! Dass man sich investiert. Dann man spürt: wir hängen aneinander, wir gehören zusammen, wir bilden eine Gemeinschaft.

Gott hat zwar bewaffnete Engel vor die Tür zurück zum Paradies gestellt, aber er selbst ist schon lange nicht mehr im Paradies. Das Paradies ist unbewohnt. Gott hat sich auf den Weg gemacht, um bei seinen Menschen zu sein. Denn der Segen, den er den beiden zugesprochen hat, der wird auch durch die Vertreibung aus dem Paradies nicht aufgehoben. Er kann sichtbar und spürbar werden, da wo Menschen versuchen, das Leben miteinander zu meistern. Da wo ein Mensch in dem Partner wieder das gesegnete und segnende Gegenüber erkennt, das Gott ihm als Hilfe zur Seite gestellt hat. Da wo Menschen ihre Umgebung als von Gott geschenkten Lebensraum und als ihr Zuhause erkennen. Da wo Menschen Schuld bekennen, würdevoll handeln und Versöhnung suchen.

Dazu ermutigen uns Adam und Eva, der gefallene Mann, die gefallene Frau – deren Verbindung trotz allem Leben hervorbrachte und die zu Urmutter und Urvater aller Menschen geworden sind.

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