Drachenträumer. Roman für Kinder (Leseprobe)

Drachenträumer. Roman für Kinder

Leo liebt Drachen. Er weiß alles über sie. Und dass es in Wirklichkeit keine Drachen gibt, ist seine größte Traurigkeit. An einem Wintermorgen kann Leo nicht zur Schule gehen. Er ist erkältet. Und während er im Bett liegt und aus dem Dachfenster schaut, passiert es: Aus einer dicken Regenwolke springt ein Drache hervor! Ein echter Drache. Und er bleibt nicht der einzige. Leo kann Drachen erwecken! Aus Wolken, Rauch, Wind und Schneegestöber. Seiner besten Freundin Katharina erzählt er davon. Sie glaubt ihm, im Gegensatz zu seiner Schwester Emmi-Jane.

Eines Nachts klopft etwas an Leos Fenster. Es sind die Drachen. Sie sind in großer Gefahr. Der schreckliche Sternendrache wurde erweckt. Und die Spuren führen zu Leo.

Für Leo beginnt eine abenteuerliche Reise. Auf dem Rücken eines Drachen. Nach Norden. Zum Polarlicht. Ob Leo den Drachen helfen kann? Zum Glück bleibt Leo nicht allein. Katharina und Emmi-Jane folgen ihm, auf dem Rücken eines geflügelten Einhorns…

Für Kinder ab 8 Jahre.

Noch nicht erschienen.

Leseprobe

Eines Nachts klopfte etwas an mein Fenster. Es war ein Drache! Du willst wissen, wie es dazu kam? Hier ist meine Geschichte. Aber sie ist nichts für schwache Nerven.

1

Ich bin Leo. Leo Voss. Ich bin elf Jahre alt. Und ich liebe Drachen. Über alles. Ich habe alle Bücher gelesen, in denen Drachen vorkommen. Und natürlich alle Filme geschaut. Jeden Monat liegt in unserem Supermarkt eine neue Zeitschrift über Drachen. Die kaufe ich mir. Jedes Mal. Von meinem Taschengeld. Es ist erstaunlich, dass ich dort immer wieder Neues über Drachen lernen kann. Wenn du mich fragst, welche meine Lieblingsdrachen sind, muss ich erst mal fragen: Aus welcher Geschichte? Denn es gibt wirklich viele Drachen.

Hier sind meine Favoriten: Aus der Film „Drachenzähmen leicht gemacht“ sind es Ohnezahn (der von Hicks gezähmte Drache), Skrill (ungezähmt) und Schneegeist (ebenfalls nicht gezähmt). Aus dem Buch „Eragon“ sind es Shuckran (der Drache des bösen Galbatorix), Dorn (der Drache von Murtgh) und Saphira (die Drachin von Eragon). Das sind meine Lieblingsdrachen. Und ich würde alles dafür geben, einem davon wirklich und ganz in echt zu begegnen.

Aber das geht nicht. Und das ist meine größte Traurigkeit: Es gibt keine Drachen.

Ich habe aber noch eine zweite größte Traurigkeit: Ich kann nicht fliegen.

Mein Papa ist Segelflieger, und ich bin schon gelegentlich mit ihm geflogen. Das ist wirklich toll, und wenn ich 14 Jahre alt bin, will ich selbst den Segelflugschein machen.

Aber das ist natürlich etwas ganz anderes, als wirklich selbst fliegen zu können. Ohne ein Flugzeug. Ohne Start- und Landebahn. Ohne dafür eine Menge Geld zu bezahlen. Einfach fliegen zu können. Das wäre schön.

Neulich habe ich mit meiner Mum darüber gesprochen. Sie legt sich abends zuweilen noch zu mir (das möchte ich so, auch wenn ich schon elf bin. Ich finde, abends im Bett kann man echt gut reden).

Ich habe ihr von meinen zwei größten Traurigkeiten erzählt. Und sie hat nicht gelacht und gesagt: „Ach Leo, so ist das halt. Drachen gibt es nicht, und Fliegen kann man auch nicht. Viel wichtiger ist: Hast du die Englischvokabeln für morgen gelernt? Du schreibst doch eine Arbeit, oder?“

Wenn sie in solchen Momenten so was sagen würde, dann wären unsere Gute-Nacht-Gespräche aber ganz schnell beendet. Nein, sie sagte: „Ach Leo, das verstehe ich gut. Ich wünschte auch, es gäbe Drachen. Und ich wünschte auch, ich könnte fliegen.“

Da war ich irgendwie erleichtert.

Und dann erzählte sie mir, wie es ihr ging, als sie ein Kind war. Da hat sie oft nachts vom Fliegen geträumt. So real, dass sie am nächsten Morgen nicht wusste, ob es ein Traum oder Wirklichkeit gewesen war. Sie hat in der Straße, in der sie wohnte (eine Sackgasse) hinten auf dem Wendeplatz ihre Startposition eingenommen. Dann ist sie losgerannt, mit weit ausgebreiteten Armen. Und spätestens vor ihrem Haus ist sie vom Asphalt abgehoben und dann direkt hinein geflogen in den Sonnenuntergang. Und dann flog sie, solange sie wollte.

„Das Problem damals“, erklärte sie mir, „war der Start. Wenn der einmal gemeistert war, war der Rest ein Kinderspiel.“

Ich schwieg eine Weile. Dann fragte ich sie, ob sie heute auch noch manchmal vom Fliegen träume. Jetzt, wo sie erwachsen war. Und sie sagte: „Ja. Aber anders. Als Kind war die größte Herausforderung der Start. Wenn ich jetzt vom Fliegen träume, ist das größte Problem, oben zu bleiben. Und davon träume ich dann.“

Als sie das sagte, hatte sie irgendwie eine seltsame Stimme. Und da wusste ich, dass auch meine Mum diese zweite größte Traurigkeit kennt. Ich nahm ihren Kopf zwischen meine Hände und küsste sie sanft auf die Stirn. Das tue ich manchmal und fühle mich dabei sehr groß, auch wenn ich körperlich gesehen eher noch ziemlich klein bin.

„Gute Nacht“, sagte ich zu meiner Mum, „du kannst jetzt schlafen gehen“.

Da lachte sie. Das klang sehr schön. „Na, vielen Dank, dass ich jetzt schlafen gehen darf“, erwiderte sie und stand auf. Wobei sie noch hinzufügte, dass mein Bett das gemütlichste im ganzen Haus sei. Dann gab sie mir auch einen Gute-Nacht-Kuss (auf die Wange) und verließ mein Zimmer.

Natürlich vergaß sie, die Tür zu schließen. Das hasse ich. Denn dann habe ich das Gefühl, nicht allein mit meinen Gedanken zu sein. Und wenn ich denke, will ich nicht gestört werden. Weder durch Licht, noch durch überflüssige Geräusche. Nachdem ich sie also ermahnt hatte, die Tür zu schließen – was sie auch tat – begann ich, noch einmal über meine erste große Traurigkeit nachzudenken. Drachen. Beziehungsweise eben keine Drachen. Dabei schaute ich aus dem Fenster.

Dazu muss ich etwas erklären, denn ohne dieses Fenster hätte die ganze Geschichte vermutlich niemals begonnen.

Mein Fenster ist nicht einfach irgendein Fenster. Es ist ein Dachfenster. Aber kein kleines, sondern ein richtig großes. Es nimmt fast die ganze Dachschräge ein, Länge mal Breite. Das liegt auch daran, dass mein Zimmer sehr klein ist. Mein gemütliches Bett ist antik, und es ist auch kürzer als die Betten von heute (sonst würde es auch nicht in mein Zimmer passen). Es gehörte meinem Urgroßvater, als der noch ein Kind war.

Wenn ich im Bett liege, dann ist über mir der Himmel. Nur die Fensterglasscheibe trennt uns voneinander. Mein Zimmer zeigt nach Nord-Osten. Ich kann abends zuweilen den Mond sehen, wenn er schon etwas höher gestiegen ist. Und bei klarem Himmel sehe ich die Sterne. Die Nordsterne unserer Milchstraße. Das ist wunderschön.

Ich stelle mir dann vor, dass die Sterne magische Punkte sind, die man mit einem Zauberstift verbinden muss. Und wenn man die richtigen Sterne miteinander verbindet, dann entsteht das Bild eines Drachen. Und dieser wird lebendig. Er stößt einen Feuerstrahl aus purem Sternenlicht aus, schlägt mit seinem Kometen-Drachen-Schwanz um sich und wischt dabei die kleineren Sterne in der Umgebung vom Nachthimmel, so dass sie als Sternschnuppen auf die Erde fallen. Dann breitet er seine von Sternenlicht glänzenden Drachenschwingen aus und fliegt davon, einfach davon…

So denke ich es mir.

Mit dem Finger fahre ich die Linien nach, die der Zauberstift malen würde. Die Sterne stehen still und starr, sie schimmern und funkeln. Ich sehe ganz genau die Drachenflügel, den starken Rücken, den gezackten Drachenschwanz, die Klauen und natürlich den Kopf des Drachen. Und über dem Kopf die drei kleinen Sterne. Ich verbinde sie mit einem Finger zu einer Krone. Einer Drachenkrone.

Wunderschön sieht er aus, mein Drache. Wunderschön glitzern die Sterne.

Aber sie bewegen sich nicht vom Fleck. Zumindest nicht so schnell, dass ich dabei zusehen kann. Die Erde dreht sich langsam. Zu langsam für mich.

Als ich vier Jahre alt war, so erzählt meine Mum, habe ich wohl einmal sehr geseufzt. Aus heiterem Himmel. Sie hat mich dann gefragt, was denn los wäre. Und ich habe noch einmal geseufzt und dann gesagt: „Ach, die Welt ist mir zu klein.“

So zumindest erzählt es meine Mum. Und ich muss sagen, ich sehe das heute noch so. Die Welt ist mir zu klein! Zu langweilig und zu öde. Ohne Drachen.

Ich wende mich ab von dem Sternendrachenbild am Himmel, drehe mich um und kuschele meinen Kopf in mein Kissen. Dann weine ich noch ein bisschen vor dem Einschlafen. Weil es keine Drachen gibt. Und ich sag mal so: Drachen, die es nicht gibt, sind ja wohl jede Träne wert.

Ich habe übrigens eine große Schwester. Sie heißt Emmi-Jane. Sie wird bald vierzehn Jahre alt. Und von ihr muss ich euch erzählen, weil sie in der Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Emmi-Jane kann nämlich etwas ganz Besonderes: Wenn man schlechte Laune hat, dann kann sie einem wieder gute Laune machen. Und wenn es ein Problem gibt, dann sieht sie nicht nur das Problem, sondern sie sieht die Lösung. Und darum kann man mit Emmi-Jane natürlich auch richtig viel Spaß haben. Nur eines stört mich.

Und das ist auch ein Grund dafür, dass die Geschichte fast schlecht ausgegangen wäre. Meiner Schwester mangelt es nämlich an Glauben.

Wenn ich zum Beispiel beim Abendessen zuhause erzähle, dass ich bei einem unserer Besuche bei Oma und Opa – ich weiß nicht mehr genau, wann das war – Wölfe gesehen habe, dann guckt sie mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und sagt in diesem ganz bestimmten Tonfall, so dass man sofort merkt, sie glaubt mir nicht: „Wööölfe. Aha.“ Und dabei zieht sie das „ö“ von „Wölfe“ in die Länge, und ich habe das Gefühl, ich muss jetzt sofort beweisen, dass ich die Wahrheit sage.

Es ist nämlich so: Mein Opa und meine Oma besitzen ein Grundstück, das ist eigentlich ein ganzes Tal. Es führt ein Wassergraben hindurch. Und gegen Abend kann man vom Balkon aus Tiere sehen, die aus dem Wald kommen oder sogar in unserem Tal zuhause sind: Rehe, ein Feldhase, eine Fuchsfamilie und zwei Bienenvölker. Ja, wirklich!

Und einmal, da bin ich mir ganz sicher, da habe ich – es war schon spät abends und fast dunkel – fünf Wölfegesehen. Sie kamen aus dem Gebüsch am Rand des Grundstücks. Sie jagten mit ihrer wilden Wolfsmähne und peitschenden Schwänzen durch das Tal und verschwanden auf der anderen Seite im Wald. Es ging alles rasend schnell. Ja, genau so war es. Ich bin mir ganz sicher. Das waren Wölfe. Und ich habe sie gesehen. Und dann schaut Emmi-Jane mich so schräg von der Seite an, runzelt die Stirn und sagt „Wööölfe. Aha.“

Und genau so ist es, wenn ich von Drachen rede. Erst findet sie es interessant, aber irgendwann sagt sie: „Ach, Leo, es gibt doch gar keine Drachen.“

Sie hat einfach keinen Glauben.

Ja, und dann ist sie wieder da: Meine große Traurigkeit.

Anders ist es mit meiner besten Freundin Katharina. Manchmal denke ich, Katharina ist die einzige, die mich wirklich versteht. Mit ihr teile ich meine Leidenschaft für Drachen. Sie spielt in dieser Geschichte ebenfalls eine ganz wichtige Rolle.

Katharina glaubt fest an Drachen. Auch wenn sie noch nie einen in echt gesehen hat. Sie hat, wie ich, alle Drachenbücher gelesen. Und sie hilft mir, mein Drachenbuch abzuschreiben. Ja, ich habe ein Buch über Drachen geschrieben. Genau wie einer meiner Helden aus einer Drachengeschichte.

Ich habe zu jedem Drachen, den ich kenne, eine Power-Point-Folie erstellt.. Auf dem Computer von Daddylot. So nenne ich meinen Papa.

Und das schreibe ich nun noch mal ab. Mit einem Füller und echter schwarzer Tinte. In ein Schreibbuch mit Ledereinband. Das sieht sehr edel und sehr alt aus. Und Drachen sind ja auch schon sehr alt. Daher finde ich, das passt besser als die Power-Point-Folien.

Und wenn Katharina mich besucht, schreibt sie eben auch mal eine Seite für mich ab. Das ist gut, denn mit der Hand zu schreiben, strengt sehr an, finde ich. Wir sind fast so etwas wie Geschwister. Drachengeschwister. Unser Zuhause ist der Wald, der an das kleine Dorf angrenzt, in dem wir beide wohnen. Im Wald haben Katharina und ich uns ein Versteck gebaut. Das kennt keiner außer uns. Und ich werde mich hüten, zu verraten, wie man dort hingelangt. Noch nicht mal meiner Schwester Emmi-Jane habe ich den Weg gezeigt.

Dort in unserem Versteck spielen wir, wir wären selbst Drachen. Katharina kann richtig gut spielen, dass sie fliegen kann. Sie läuft dann durch den Wald und schwenkt ihre Arme und ruft laut: „Ich bin ein Drache, ich kann fliegen! Ich kann fliegen! Schaut alle her, wie ich fliege! Schaut und staunt!“

Und dann schaue ich und staune. Sie macht das wirklich gut.

Meine Leidenschaft für Drachen ist nicht erst gestern entflammt. Ich verehre sie schon lange. Und ich wünschte, ich wünschte so sehr, ich würde eines Tages einem echten Drachen begegnen.

Ich bin da. Und ich bin mächtig.

Meine Schwingen sind lebende Hitze, die Zacken auf meinem Rücken aus stechendem Sternenglanz. Drei Sterne zieren die Krone, die ich trage.

Mein Drachenschwanz ist gewaltig. Wie ein Komet jage ich durch die unendlichen und eiskalten Weiten des Universums. Und bin doch nicht wie die kalten Brocken. Ich bin lebendiger Sternenwind. Mein Maul ist weit aufgerissen, und ich schlucke alles. Klein oder groß. Sternenstaub. Meteoriten. Asteroiden. Geröll. Monde. Planeten. Ich jage durch die Milchstraße und hinterlasse eine Spur von Finsternis und Leere. Denn ich nehme alles in mich auf.

Ich bin voll geballter Energie. Ich bin Zerstörung. Was ich speie, rast durch das Universum und findet sein Ziel. Immer.

Denn ich bin.

Der Junge hat mich erweckt. Er hat mich gesehen, aus weiter, weiter Ferne. Wie ich schlummerte. Eingesperrt, erstarrt im Funkeln der Sterne. In tiefem, tiefem Schlaf seit tausenden und aber tausenden von Jahren.

Doch nun bin ich wach und nicht mehr aufzuhalten. Mein Ziel steht mir klar vor Augen. Ich werde ihn finden. Und ich werde ihn vernichten. Ihn, den einzigen, die mir gefährlich werden kann.

(…)

 

Lust auf mehr? Einfach eine kurze Mail an: miriamkuellmer@aol.com

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