Drachen wecken. Wie die Geschichte begann. Roman für Kinder (Leseprobe)

Drachenwecken. Wie die Geschichte begann

Roman für Kinder

Mika liebt Drachen. Er weiß alles über sie. Und dass es in Wirklichkeit keine Drachen gibt, ist seine größte Traurigkeit. An einem Wintermorgen kann Mika nicht zur Schule gehen. Er ist erkältet. Und während er im Bett liegt und aus dem Dachfenster schaut, passiert es: Aus einer dicken Regenwolke springt ein Drache hervor! Ein echter Drache. Und er bleibt nicht der einzige. Mika kann Drachen erwecken! Aus Wolken, Rauch, Wind und Schneegestöber. Seiner besten Freundin Katharina erzählt er davon. Sie glaubt ihm, im Gegensatz zu seiner Schwester Emmi-Jane.

Eines Nachts klopft etwas an Mikas Fenster. Es sind die Drachen. Sie sind in großer Gefahr. Der schreckliche Sternendrache wurde erweckt. Und die Spuren führen zu Mika.

Für Mika beginnt eine abenteuerliche Reise. Auf dem Rücken eines Drachen. Nach Norden. Zum Polarlicht. Ob Mika den Drachen helfen kann? Zum Glück bleibt Mika nicht allein. Katharina und Emmi-Jane folgen ihm, auf dem Rücken eines geflügelten Einhorns…

Für Kinder ab 8 Jahre.

Noch nicht erschienen.

Leseprobe

Die Uralten kannten es gut. Das Sternenschloss. Lange vor dem Anbruch des ersten Zeitalters, wurde es errichtet, aus Sternenstaub und jungem Gestein. Im hohen Norden des blauen Planeten.

            Seine Sinne säumten vier Zacken, schwarz und ewig. Auf diesen Zacken thronten und wachten vier lebendige Sterne: ein werdender Stern von zartem Gelb; ein Stern in Mitte seiner Zeit, von gleißendem Weiß; ein sterbender Stern, glühend rot; und ein erkalteter Stern, glitzernd wie ein Diamant.

            Es war die Zeit der Pracht. Und niemand von den Uralten ahnte, dass diese Zeit jemals enden würde. Doch sie täuschten sich alle.

            Fast hätte ich mein Ziel erreicht! Doch ich stürzte ab. Und mit meinem Sturz endete die Vorzeit. Das erste Zeitalter brach an. Neue Könige errichteten neue Königreiche und bestiegen neue Throne, und ich wurde verbannt.

            In einen langen, langen Schlaf.

 

Doch nun, nach tausenden und abertausenden von Jahren, bin ich wieder erwacht.

Und ich bin mächtig. Denn ich trage die Krone. Die eine. Die ewige.

Mein Panzer ist aus Licht und meine Schwingen aus Sternenwind. Ich rase durchs Weltall. Schnell und explosiv. Wehe, wer mir in die Quere kommt!

Er hat mich erweckt, der kleine Junge auf dem fernen blauen Planeten. Er weiß es nicht. Und doch ist er es, der als einziger mir noch gefährlich werden kann. Darum werde ich ihn töten. Bevor er auch sie wieder erweckt. Die Drachen.

Und diesmal werde ich den blauen Planeten vernichten. Was mir damals nicht gelang, wird jetzt geschehen. Ich werde alles sein. Und außer mir wird nichts sein, was jetzt noch ist.

 

Eines Nachts klopfte etwas an mein Fenster. Es war ein Drache! Du willst wissen, wie es dazu kam? Hier ist meine Geschichte. Aber sie ist nichts für schwache Nerven.

1

Ich bin Mika. Ich bin elf Jahre alt. Und ich liebe Drachen. Über alles. Ich habe alle Bücher gelesen, in denen Drachen vorkommen. Und natürlich alle Filme geschaut. Jeden Monat liegt in unserem Supermarkt eine neue Zeitschrift über Drachen. Die kaufe ich mir. Jedes Mal. Von meinem Taschengeld. Es ist erstaunlich, dass ich dort immer wieder Neues über Drachen lernen kann. Wenn du mich fragst, welche meine Lieblingsdrachen sind, muss ich erst mal fragen: Aus welcher Geschichte? Denn es gibt wirklich viele Drachen.

Hier sind meine Favoriten: Aus der Film „Drachenzähmen leicht gemacht“ sind es Ohnezahn (der von Hicks gezähmte Drache), Skrill (ungezähmt) und Schneegeist (ebenfalls nicht gezähmt). Aus dem Buch „Eragon“ sind es Shuckran (der Drache des bösen Galbatorix), Dorn (der Drache von Murtgh) und Saphira (die Drachin von Eragon). Das sind meine Lieblingsdrachen. Und ich würde alles dafür geben, einem davon wirklich und ganz in echt zu begegnen.

Aber das geht nicht. Und das ist meine größte Traurigkeit: Es gibt keine Drachen.

Ich habe aber noch eine zweite größte Traurigkeit: Ich kann nicht fliegen.

            Mein Papa ist Segelflieger, und ich bin schon gelegentlich mit ihm geflogen. Das ist wirklich toll, und wenn ich 14 Jahre alt bin, will ich selbst den Segelflugschein machen.

Aber das ist natürlich etwas ganz anderes, als wirklich selbst fliegen zu können. Ohne ein Flugzeug. Ohne Start- und Landebahn. Ohne dafür eine Menge Geld zu bezahlen. Einfach fliegen zu können. Das wäre schön.

Neulich habe ich mit meiner Mum darüber gesprochen. Sie legt sich abends zuweilen noch zu mir (das möchte ich so, auch wenn ich schon elf bin. Ich finde, abends im Bett kann man echt gut reden).

Ich habe ihr von meinen zwei größten Traurigkeiten erzählt. Und sie hat nicht gelacht und gesagt: „Ach Mika, so ist das halt. Drachen gibt es nicht, und Fliegen kann man auch nicht. Viel wichtiger ist: Hast du die Englischvokabeln für morgen gelernt? Du schreibst doch eine Arbeit, oder?“

Wenn sie in solchen Momenten so was sagen würde, dann wären unsere Gute-Nacht-Gespräche aber ganz schnell beendet. Nein, sie sagte: „Ach Mika, das verstehe ich gut. Ich wünschte auch, es gäbe Drachen. Und ich wünschte auch, ich könnte fliegen.“

Da war ich irgendwie erleichtert.

Und dann erzählte sie mir, wie es ihr ging, als sie ein Kind war. Da hat sie oft nachts vom Fliegen geträumt. So real, dass sie am nächsten Morgen nicht wusste, ob es ein Traum oder Wirklichkeit gewesen war. Sie hat in der Straße, in der sie wohnte (eine Sackgasse) hinten auf dem Wendeplatz ihre Startposition eingenommen. Dann ist sie losgerannt, mit weit ausgebreiteten Armen. Und spätestens vor ihrem Haus ist sie vom Asphalt abgehoben und dann direkt hinein geflogen in den Sonnenuntergang. Und dann flog sie, solange sie wollte.

„Das Problem damals“, erklärte sie mir, „war der Start. Wenn der einmal gemeistert war, war der Rest ein Kinderspiel.“

Ich schwieg eine Weile. Dann fragte ich sie, ob sie heute auch noch manchmal vom Fliegen träume. Jetzt, wo sie erwachsen war. Und sie sagte: „Ja. Aber anders. Als Kind war die größte Herausforderung der Start. Wenn ich jetzt vom Fliegen träume, ist das größte Problem, oben zu bleiben. Und davon träume ich dann.“

Als sie das sagte, hatte sie irgendwie eine seltsame Stimme. Und da wusste ich, dass auch meine Mum diese zweite größte Traurigkeit kennt. Ich nahm ihren Kopf zwischen meine Hände und küsste sie sanft auf die Stirn. Das tue ich manchmal und fühle mich dabei sehr groß, auch wenn ich körperlich gesehen eher noch ziemlich klein bin.

„Gute Nacht“, sagte ich zu meiner Mum, „du kannst jetzt schlafen gehen“.

Da lachte sie. Das klang sehr schön. „Na, vielen Dank, dass ich jetzt schlafen gehen darf“, erwiderte sie und stand auf. Wobei sie noch hinzufügte, dass mein Bett das gemütlichste im ganzen Haus sei. Dann gab sie mir auch einen Gute-Nacht-Kuss (auf die Wange) und verließ mein Zimmer.

Natürlich vergaß sie, die Tür zu schließen. Das hasse ich. Denn dann habe ich das Gefühl, nicht allein mit meinen Gedanken zu sein. Und wenn ich denke, will ich nicht gestört werden. Weder durch Licht, noch durch überflüssige Geräusche. Nachdem ich sie also ermahnt hatte, die Tür zu schließen – was sie auch tat – begann ich, noch einmal über meine erste große Traurigkeit nachzudenken. Drachen. Beziehungsweise eben keine Drachen. Dabei schaute ich aus dem Fenster.

Dazu muss ich etwas erklären, denn ohne dieses Fenster hätte die ganze Geschichte vermutlich niemals begonnen.

Mein Fenster ist nicht einfach irgendein Fenster. Es ist ein Dachfenster. Aber kein kleines, sondern ein richtig großes. Es nimmt fast die ganze Dachschräge ein, Länge mal Breite. Das liegt auch daran, dass mein Zimmer sehr klein ist. Mein gemütliches Bett ist antik, und es ist auch kürzer als die Betten von heute (sonst würde es auch nicht in mein Zimmer passen). Es gehörte meinem Urgroßvater, als der noch ein Kind war.

Wenn ich im Bett liege, dann ist über mir der Himmel. Nur die Fensterglasscheibe trennt uns voneinander. Mein Zimmer zeigt nach Nord-Osten. Ich kann abends zuweilen den Mond sehen, wenn er schon etwas höher gestiegen ist. Und bei klarem Himmel sehe ich die Sterne. Die Nordsterne unserer Milchstraße. Das ist wunderschön.

Ich stelle mir dann vor, dass die Sterne magische Punkte sind, die man mit einem Zauberstift verbinden muss. Und wenn man die richtigen Sterne miteinander verbindet, dann entsteht das Bild eines Drachen. Und dieser wird lebendig. Er stößt einen Feuerstrahl aus purem Sternenlicht aus, schlägt mit seinem Kometen-Drachen-Schwanz um sich und wischt dabei die kleineren Sterne in der Umgebung vom Nachthimmel, so dass sie als Sternschnuppen auf die Erde fallen. Dann breitet er seine von Sternenlicht glänzenden Drachenschwingen aus und fliegt davon, einfach davon…

So denke ich es mir.

Mit dem Finger fahre ich die Linien nach, die der Zauberstift malen würde. Die Sterne stehen still und starr, sie schimmern und funkeln. Ich sehe ganz genau die Drachenflügel, den starken Rücken, den gezackten Drachenschwanz, die Klauen und natürlich den Kopf des Drachen. Und über dem Kopf die drei kleinen Sterne. Ich verbinde sie mit einem Finger zu einer Krone. Einer Drachenkrone.

Wunderschön sieht er aus, mein Drache. Wunderschön glitzern die Sterne.

Aber sie bewegen sich nicht vom Fleck. Zumindest nicht so schnell, dass ich dabei zusehen kann. Die Erde dreht sich langsam. Zu langsam für mich.

Als ich vier Jahre alt war, so erzählt meine Mum, habe ich wohl einmal sehr geseufzt. Aus heiterem Himmel. Sie hat mich dann gefragt, was denn los wäre. Und ich habe noch einmal geseufzt und dann gesagt: „Ach, die Welt ist mir zu klein.“

So zumindest erzählt es meine Mum. Und ich muss sagen, ich sehe das heute noch so. Die Welt ist mir zu klein! Zu langweilig und zu öde. Ohne Drachen.

Ich wende mich ab von dem Sternendrachenbild am Himmel, drehe mich um und kuschele meinen Kopf in mein Kissen. Dann weine ich noch ein bisschen vor dem Einschlafen. Weil es keine Drachen gibt. Und ich sag mal so: Drachen, die es nicht gibt, sind ja wohl jede Träne wert.

Ich habe übrigens eine große Schwester. Sie heißt Emmi-Jane. Sie wird bald vierzehn Jahre alt. Und von ihr muss ich euch erzählen, weil sie in der Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Emmi-Jane kann nämlich etwas ganz Besonderes: Wenn man schlechte Laune hat, dann kann sie einem wieder gute Laune machen. Und wenn es ein Problem gibt, dann sieht sie nicht nur das Problem, sondern sie sieht die Lösung. Und darum kann man mit Emmi-Jane natürlich auch richtig viel Spaß haben.

Ich will euch mal ein Beispiel geben: In den letzten Ferien, da waren wir auf Fuerteventura. In einem All Inclusive Club. Aber ehrlich gesagt, der Spaß war da nicht all inclusive. Alles war verboten. Zumindest wenn man erst elf Jahre alt ist.

Ich durfte keine Dartpfeile werfen, ich durfte nicht am Bogenschießen teilnehmen und auch nicht beim Volleyballspielen. Weil ich zu jung bin. Alles, was ich durfte, war, zum Mini-Club gehen. Aber der Mini-Club war nur was für Babies. Da liefen Aktionen wie: Wir lassen rosa Luftballons steigen und freuen uns darüber. Dass die Luftballons gar nicht mit genügend Helium gefüllt waren und direkt nach ihrem Start allesamt ins Meer stürzten, interessierte die Animateure nicht. Und dass von dem vielen Plastik die Fische sterben, auch nicht.

Also, wie gesagt: Kein Spaß inclusive. Für Spaß musste man schon selbst sorgen. Und darin ist meine Schwester Emmi-Jane eben einfach echt gut. Sie hat von zuhause extra ihre Meerjungfrauen-Schwimmflosse mitgebracht. Und mir erlaubt, dass ich auch mal damit schwimmen darf. Natürlich wurden wir erst mal wieder angemotzt und weggeschickt, als wir damit in den Pool klettern wollten. Flossen verboten. Es steht doch auf dem Schild. Tut mir leid, das Schild haben wir leider nicht gesehen!

Ich bekam schlechte Laune. Kein Bogenschießen. Kein Meerjungfrauenschwimmen. Wie soll man da glücklich sein? Aber zum Glück habe ich ja meine Schwester Emmi-Jane. „Los komm, wir gehen einfach damit zum Meer!“, sagte sie.

Unsere Mum musste natürlich mitkommen, denn alleine im Atlantik herumschwimmen, noch dazu als unechte Meerjungfrau, das ist nicht ungefährlich.

Also platzierten wir sie (unsere Mum) am Dünenhang und liefen mit der Flosse zum Wasser. „Das klappt nie“, rief sie (unsere Mum) uns nach. Das war natürlich nicht sehr motivierend, aber sie war schlecht drauf wegen des Clubs.

„Ach was, wir probieren es einfach!“, rief Emmi-Jane zurück. Und dann sprangen wir in die Wellen. Ich durfte beginnen. Es war schon eine Kunst, die Flosse überhaupt anzuziehen. Tja, und da stand man dann im Wasser, und schon die erste Welle riss einem die Füße weg.

Aber Emmi-Jane hatte die gute Idee, mich an den Händen tiefer ins Wasser reinzuziehen, und dort schlug ich nun mit den Beinen, wie eine echte Meerjungfrau mit ihrem Meerjungfrauenschwanz. Es machte großen Spaß, auch wenn es nicht klappte. Ich bewegte mich keinen Zentimeter vorwärts. Der Wellengang war viel zu stark. Und tiefer ins Meer hineinschwimmen und unter den Wellen tauchen, ging auch nicht. Schließlich war ich keine echte Meerjungfrau und musste gelegentlich atmen. Ich habe leider keine Kiemen (auch so eine Traurigkeit von mir, aber nur eine kleine).

Meine inzwischen gute Laune wurde wieder schlecht. Aber Emmi-Jane gab nicht auf.

Wir tauschten, und sie versuchte es. Klappte auch nicht. Aber sie ließ sich, im Gegenteil zu mir, die Laune nicht verderben. Sie lachte einfach. Und zwar so sehr, dass ihr das Salzwasser in den Mund schwappte. Und beschloss, dass wir die Flosse zurück zu Mum bringen und einfach ohne Flosse im Meer unseren Spaß haben.

Und das hatten wir, denn das Meer war wirklich toll! Club hin, Club her. Flosse hin, Flosse her.

So ist meine Schwester Emmi-Jane. Wenn sie dabei ist, kann man sich sicher sein: Es wird auf jeden Fall gut!

Nach unserem Meeresspaß warf ich mich triefend nass in den feinen, gelb-schwarzen Sand (der Sand auf Fuerteventura ist zum Teil schwarz, weil es eine Lava-Insel ist) und wälzte mich darin. Ich bekam eine tolle Sandkruste. Dann kraxelte ich die Düne hinauf. Emmi-Jane rief mir zu, ich sähe aus wie ein Steinzeitmensch, und sie lachte sich kaputt.

Das war eine prima Idee, fand ich. Ich spielte, ich sei ein Steinzeitmensch, der eine gefährliche steile Küste hinaufkraxeln müsse. Oben angekommen, versteckte ich mich zwischen den schwarzen Lavasteinen und dem trockenen Gestrüpp. Ich war gut getarnt durch meine Kruste. Ich stellte mir vor, dass all die schwarzen Steine hier einmal flüssige Lava gewesen waren, herausgepresst und herausgeschludert aus den Tiefen der Vulkane, die vor Millionen von Jahren hier entstanden sind. Auf dem Grunde des Meeres.

Wenn es jemals Drachen gegeben hatte, dann damals. Das ist völlig klar. Es war die perfekte Zeit für Drachen. Drachen!

Ja, da war er wieder: Mein großer Traum. Drachen. Ich konnte nicht anders. Ich musste immer wieder an sie denken.

Auch wenn ich mit Emmi-Jane wirklich richtig viel Spaß haben kann, so stört mich doch eines. Und das ist auch ein Grund dafür, dass die Geschichte fast schlecht ausgegangen wäre. Meiner Schwester mangelt es nämlich an Glauben.

            Wenn ich zum Beispiel beim Abendessen zuhause erzähle, dass ich bei einem unserer Besuche bei Oma und Opa – ich weiß nicht mehr genau, wann das war – Wölfe gesehen habe, dann guckt sie mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und sagt in diesem ganz bestimmten Tonfall, so dass man sofort merkt, sie glaubt mir nicht: „Wööölfe. Aha.“ Und dabei zieht sie das „ö“ von „Wölfe“ in die Länge, und ich habe das Gefühl, ich muss jetzt sofort beweisen, dass ich die Wahrheit sage.

Es ist nämlich so: Mein Opa und meine Oma besitzen ein Grundstück in Nordhessen, das ist eigentlich ein ganzes Tal. Es führt ein Wassergraben hindurch. Und gegen Abend kann man vom Balkon aus Tiere sehen, die aus dem Wald kommen oder sogar in unserem Tal zuhause sind: Rehe, ein Feldhase, eine Fuchsfamilie und zwei Bienenvölker. Ja, wirklich!

Und einmal, da bin ich mir ganz sicher, da habe ich – es war schon spät abends und fast dunkel – fünf Wölfe gesehen. Sie kamen aus dem Gebüsch am Rand des Grundstücks. Sie jagten mit ihrer wilden Wolfsmähne und peitschenden Schwänzen durch das Tal und verschwanden auf der anderen Seite im Wald. Es ging alles rasend schnell. Ja, genau so war es. Ich bin mir ganz sicher. Das waren Wölfe. Und ich habe sie gesehen. Und dann schaut Emmi-Jane mich so schräg von der Seite an, runzelt die Stirn und sagt „Wööölfe. Aha.“

Und genau so ist es, wenn ich von Drachen rede. Erst findet sie es interessant, aber irgendwann sagt sie: „Ach, Mika, es gibt doch gar keine Drachen.“

Sie hat einfach keinen Glauben.

Ja, und dann ist sie wieder da: Meine große Traurigkeit.

Anders ist es mit meiner besten Freundin Katharina. Manchmal denke ich, Katharina ist die einzige, die mich wirklich versteht. Mit ihr teile ich meine Leidenschaft für Drachen. Sie spielt in dieser Geschichte ebenfalls eine ganz wichtige Rolle.

            Katharina glaubt fest an Drachen. Auch wenn sie noch nie einen in echt gesehen hat. Sie hat, wie ich, alle Drachenbücher gelesen. Und sie hilft mir, mein Drachenbuch abzuschreiben. Ja, ich habe ein Buch über Drachen geschrieben. Über alle Drachen, die ich kenne. Auf dem Computer von Daddylot. So nenne ich meinen Papa.

Ich habe 84 Power-Point-Folien erstellt, mit Bildern und Texten zu allen mir bekannten Drachen. Diese habe ich ausgedruckt und meiner Freundin Katharina als Buch geschenkt. Ein zweites Exemplar habe ich selbst behalten. Und das schreibe ich nun noch mal ab. Mit einem Füller und echter schwarzer Tinte. In ein Schreibbuch mit Ledereinband. Das sieht sehr edel und sehr alt aus. Und Drachen sind ja auch schon sehr alt. Daher finde ich, das passt besser als die Power-Point-Folien.

Und wenn Katharina mich besucht, schreibt sie eben auch mal eine Seite für mich ab. Das ist gut, denn mit der Hand zu schreiben, strengt sehr an, finde ich. Wir sind fast so etwas wie Geschwister. Drachengeschwister. Unser Zuhause ist der Wald, der an das kleine Dorf angrenzt, in dem wir beide wohnen. Im Wald haben Katharina und ich uns ein Versteck gebaut. Das kennt keiner außer uns. Und ich werde mich hüten, zu verraten, wie man dort hingelangt. Noch nicht mal meiner Schwester Emmi-Jane habe ich den Weg gezeigt.

Dort in unserem Versteck spielen wir, wir wären selbst Drachen. Katharina kann richtig gut spielen, dass sie fliegen kann. Sie läuft dann durch den Wald und schwenkt ihre Arme und ruft laut: „Ich bin ein Drache, ich kann fliegen! Ich kann fliegen! Schaut alle her, wie ich fliege! Schaut und staunt!“

Und dann schaue ich und staune. Sie macht das wirklich gut.

Wenn ihr jetzt immer noch daran zweifelt, dass Drachen mein Leben sind, dann will ich euch noch schnell von meinem Geburtstag vor zwei Jahren erzählen.

In meinem Zimmer habe ich ein Regal, das nur für Drachen reserviert ist. Mein Lieblingsdrache ist ein ganz kleiner „Nachtschatten“, es ist „Ohnezahn“ (ihr erinnert euch: einer meiner Favoriten). Er ist natürlich nur aus Gummi. Er hat seit jener Geburtstagsfeier seinen festen Platz bei mir im Regal.

Meine Mum hat damals kleine Drachenfiguren gekauft, wir haben sie in Luftballons gesteckt, diese aufgeblasen und dann von außen mit Tapetenkleister beschmiert und mit ganz vielen Fetzen aus Transparentpapier beklebt. Als der Leim getrocknet war, waren es Dracheneier mit kleinen Drachen darin.

Dann kam mein Geburtstag. Daddylot versteckte die Dracheneier im Wald, und meine Freunde und ich machten uns auf den Weg und mussten die Dracheneier finden. Und wer ein Ei gefunden hatte, der brach die Schale aus Transparentpapier und Tapetenkleister auf, und heraus schlüpfte ein kleiner Drache.

Aus meinem Ei schlüpfte der kleine „Ohnezahn“. Er war so niedlich, auch wenn er nur aus Gummi war. Wir führten dann mit unseren kleinen Drachen eine paar Flugübungen durch. Also, genauer gesagt, warfen wir sie in die Luft, denn von alleine flogen sie nicht los. Aber einmal in die Luft geworfen, flogen sie schon ganz gut.

Dass ich den kleinen „Ohnezahn“ gefunden hatte, war natürlich kein Zufall. Ich hatte ja die Eier mit meiner Mum zusammen gebastelt und wusste genau, dass „Ohnezahn“ in dem Drachenei aus schwarzem Transparentpapier war. Also ließ ich bei der Suche alle anderen Eier links liegen und beeilte mich, als erster das schwarze zu finden.

Zum Glück kam mir niemand zuvor. Ich glaube, ich hätte es ganz schön doof gefunden, wenn jemand anderes den kleinen „Ohnezahn“ bekommen hätte. Katharina hat ein rotes Ei mit einem winzigen, roten Plüschdrachen darin gefunden. Eigentlich war es ein Schlüsselanhänger, und das ist ja auch sehr praktisch, denn so kann man den kleinen Drachen am Gürtel befestigen.

Sie fand ihn ganz wunderbar und niedlich und hat ihn sogar ein paar Wochen lang mit in die Schule genommen. Meinen kleinen „Ohnezahn“ habe ich nicht mit in die Schule genommen. Ich hatte große Bedenken, dass die anderen ihn dann auch mal hätten halten wollen, und dann wäre er möglicherweise irgendwie verloren gegangen. Das wollte ich nicht riskieren.

Ja, so war das an meinem Geburtstag vor zwei Jahren.

Ihr seht, meine Leidenschaft für Drachen ist nicht erst gestern entflammt. Ich verehre sie schon lange. Und ich wünschte, ich wünschte so sehr, ich würde eines Tages einem echten Drachen begegnen.

***

Ich bin da. Und ich bin mächtig.

Meine Schwingen sind lebende Hitze, die Zacken auf meinem Rücken aus stechendem Sternenglanz. Drei Sterne zieren die Krone, die ich trage.

Mein Drachenschwanz ist gewaltig. Wie ein Komet jage ich durch die unendlichen und eiskalten Weiten des Universums. Und bin doch nicht wie die kalten Brocken. Ich bin lebendiger Sternenwind. Mein Maul ist weit aufgerissen, und ich schlucke alles. Klein oder groß. Sternenstaub. Meteoriten. Asteroiden. Geröll. Monde. Planeten. Ich jage durch die Milchstraße und hinterlasse eine Spur von Finsternis und Leere. Denn ich nehme alles in mich auf.

Ich bin voll geballter Energie. Ich bin Zerstörung. Was ich speie, rast durch das Universum und findet sein Ziel. Immer.

Denn ich bin.

Der Junge hat mich erweckt. Er hat mich gesehen, aus weiter, weiter Ferne. Wie ich schlummerte. Eingesperrt, erstarrt im Funkeln der Sterne. In tiefem, tiefem Schlaf seit tausenden und abertausenden von Jahren.

Doch nun bin ich wach und nicht mehr aufzuhalten. Mein Ziel steht mir klar vor Augen. Ich werde ihn finden. Und ich werde ihn vernichten. Ihn, den einzigen, die mir gefährlich werden kann.

(…)

 

Lust auf mehr? Einfach eine kurze Mail an: miriamkuellmer@aol.com

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