Das Schweigen der Insekten

Ich bin empört!

Da geht in diesen Tagen die Nachricht durch die Presse, dass 75% der Insekten in Europa weg sind. Was für eine erschreckende Entwicklung! Klar, eher eine relativ leise Nachricht. Anders als die lauten Schreckensnachrichten, die ebenfalls täglich hier einfallen und uns auf Trab halten.

Aber auch eine leise Nachricht kann eine Todesnachricht sein. Die Erde heult nicht laut auf, wenn sie stirbt. Sie stirbt leise.

Man merkt es vor allem daran, dass es so still geworden ist, im Sommer, draußen auf der Terrasse. Nichts brummt mehr. Und die Frontscheiben meines Autos sind so sauber. Schon seit ein paar Jahren bemerke ich das. Nahezu klinisch rein, möchte man sagen.

Die Insekten sterben uns weg! Und in der Folge dann die Vögel? Und irgendwann die Ernte, weil niemand mehr zum Bestäuben da ist?

Oder reiben sich die Konzerne schon fröhlich die Hände, weil sie den Bauern dann endlich ihre teuren künstlichen Befruchtungsmethoden verkaufen können? Um aus der Not Profit zu schlagen, wie so oft?

Die Insekten sterben. Weil sie ausgerottet werden. Durch das Gift auf den Feldern. Durch die Monokulturen. Durch die Methoden der konventionellen Landwirtschaft. Durch den Bauboom, der von keiner Wiese halt macht.

Apropos Wiese: Die letzten großen Wiesen in Europa habe ich ja gesehen, als ich im Sommer 2002 eine Reise durch Böhmen machte. Ist lange her. Mein Gott, war das schön!

Und was sagt die Agrarlobby zum Insektensterben?

Was sagen die Chemiekonzerne?

„Unser Gift war´s nicht.“

Solange es noch nicht hundertprozentig erwiesen ist, dass es doch dieses Gift ist, dass erst die Tiere und dann die Menschen vergiftet. Solange das nicht hundertprozentig durch langjährige und völlig korrekte, unangreifbare Studien bewiesen ist, gilt: Im Zweifel für den Angeklagten.

War´s das Klima? Der Klimawandel?

Noch viel schwieriger zu belegen. Aber eine gute Möglichkeit, vom Giftskandal eines Chemiekonzerns abzulenken, der uns gerade umtreibt.

Die Sache ist: Bis zum hundertprozentigen Beweis ist es zu spät. Dann gibt es vielleicht gar keine Insekten mehr! Und keine nicht verseuchten Felder. Und auch keinen Weg zurück!

Und ich bin sicher: Dann werden die hochrangigen Verantwortlichen Möglichkeiten finden, sich aus der Affäre zu ziehen und mit einem gehörigen finanziellen Gewinn aus der Sache rauszukommen.

Denken Machthabende vielleicht: „Naja, wenn die Welt untergeht – egal. Mich und meine Kinder wird es nicht treffen. Denn wir sind die finanzstarke Elite. Für uns wird schon gesorgt sein.“

Ich bin empört!

Und ich bin auch empört darüber, dass die so genannten Grünen in der Politik nicht auf die Barrikaden steigen. Nicht lauter ihre Stimme erheben.

Warum schweigt ihr? Weil ihr um eure Macht bangt? Weil ihr euch duckt vor den anderen? Weil ihr zum Establishment gehören wollt? Weil ihr um jeden Preis regieren wollt? Auch um den Preis der Preisgabe eurer Ziele und Werte? Oder mangelt es euch an guten Ideen?

Hier wären ein paar:

  • Stoppt den Einsatz von Gift auf unseren Feldern. Es geht auch anders.
  • Hebt die Mehrwertsteuer auf alle Lebensmittel an, und unterstützt mit dem Geld direkt die ökologische Landwirtschaft, besonders die klein- und mittelständischen ökologisch arbeitenden Landwirte und Landwirtinnen.
  • Ändert den Lehrplan an den Schulen: Ökosysteme, Alternative Energien, Umweltschutz und ökologische Landwirtschaft. Und nicht nur einmal pro Schulkarriere. Nicht nur am Rande.

Wenn Deutschland das Vorzeigeland in Sachen Umweltschutz und Klimaschutz sein will, muss dieses Signal noch viel stärker an den Schulen sichtbar werden. Denn dort werden die Politikerinnen und Politiker, die Geschäftsleute und Forschenden, die Landwirtinnen und Landwirte von morgen ausgebildet. Und diese sollten doch ökologisch denken und arbeiten, oder?

In jungen Jahren werden die entscheidenden Grundlagen gelegt für das, was ein Mensch liebt, was ihm wertvoll und teuer ist. Was er schützen wird, wenn er groß ist.

„Das geht alles nicht“, mögen manche jetzt sagen.

Ja, manches geht vielleicht nicht so einfach, wie ich es mir vorstelle.

Aber andererseits…

Meine Tochter zitierte heute Morgen am Frühstückstisch folgenden Spruch:

„Das geht nicht“, sagten die Leute.

Bis einer kam, der das nicht wusste.

Und es einfach tat.

***

Jetzt sterben die Insekten. Ja, es sind nur Insekten. Es sind keine Menschen.

Aber ich bin sicher, der legendäre Häuptling Seattle hatte Recht, als er sagte: „Was immer den Tieren geschieht, geschieht bald auch den Menschen.“

Wir sind Teil dieser Erde. Nicht ihr Beherrscher und Bezwinger. Wir werden nicht überleben, wenn die Erde tot ist. Wir sind Kinder dieser Erde. Ein Teil von ihr. Und zwar der Klügste, sollte man meinen. Oder nicht?

Es ist ein Warnsignal. Noch kann das Ruder herum gerissen werden. Aber in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr. Und wenn es dann keine gesunden Felder mehr gibt und keine natürliche Insekten-Befruchtung, und wenn keine Apfelbäume mehr auf wilden Wiesen wachsen, dann will ich von der Politik nicht diesen Satz hören: „Darauf waren wir nicht vorbereitet!“

Es ist eure Aufgabe, vorbereitet zu sein. Vorauszublicken. Es ist eure Aufgabe, das Land zu führen. Die Gesellschaft zu führen. In eine gute Zukunft.

Für mich persönlich gehört zu einer guten Zukunft das Brummen von Insekten im Sommer auf der Terrasse. Zu einer guten Zukunft gehören für mich und für meine Kinder das Grillenzirpen am Abend und der Vogelgesang schon am frühen Morgen. Auch das Krabbeln der Kellerasseln unterm Blumentopf gehört dazu. Und die Ameisenstraßen gehören auch dazu. Und die Schmetterlingswiesen.

Und ein Apfel, dessen Blüte durch eine wilde Biene befruchtet worden ist.

Also: Lasst uns tun, was zu tun ist.

„Literatur hat keine Angst“

(Frankfurter Buchmesse 2015, Gastland: Indonesien)

 

Mit dem Titel „Literatur hat keine Angst“ ist der Beitrag der FAZ zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2015 überschrieben. Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie sagt: „Die Kunst ist stark, aber der Künstler ist schwach.“ Er kann getötet, misshandelt und zum Schweigen gebracht werden. Die Buchmesse in Frankfurt dagegen will für Meinungs- und Publikationsfreiheit einstehen. Und für Salman Rushdie steht fest: Freiheit der Meinung und des Ausdrucks sind kein Lokalkolorit bestimmter Staaten und Kulturen. Die Toleranz des aufgeklärten Menschen darf nicht so weit gehen, die Missachtung der Menschenrechte „woanders“ zu tolerieren.

In der globalisierten Welt prallen die Geschichten und Kulturen aufeinander, rasen ineinander hinein und streiten darum, wer die Wirklichkeit nun wirklich richtig und wahr deutet.

Literatur ist immer Dichtung. Aber zugleich kann sie als Dichtung der Wahrheit dienen.

Der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2015 ist Indonesien.

Was ist Indonesien für ein Land?

  • Lage: 17.000 Inseln am Äquator zwischen Singapur im Norden und Australien im Süden. Indonesien ist die viertgrößte Nation der Welt, was die Bevölkerungszahl angeht!
  • Die Hauptstadt heißt Jakarta.
  • Es herrscht tropisches Klima: zum Teil Regenwaldgebiet – auf einigen Inseln herrscht immer feuchtes Tropenklima, um die 26°C bei 95% Luftfeuchtigkeit. Auf anderen Inseln bestimmt der Monsun das Klima (hohe Temperaturen, z. T. Trockenheit). Leider wird der Regenwald abgeholzt, um Palmölplantagen anzulegen.
  • Tierwelt: Hier leben z. B. Orang-Utans! Und es gibt ein wunderbares Korallenmeer…
  • Die Landschaft ist vulkanisch geprägt. Das heißt: Das Land ist sehr fruchtbar. Aber es gibt auch oft Erdbeben und Tsunamis.
  • Bevölkerung: Es gibt über 350 verschiedene Völker!
  • Religion: 88% Muslime (überwiegend moderat), 9% Christen, 1,8% Hindus, 1% Buddhisten, kleine jüdische Minderheit. Der Ahnenkult und der Geisterglaube haben nach wie vor einen großen Stellenwert bei vielen Indonesiern.
  • Über 27% der Indonesier leben in Armut. Auf der Insel Java gibt es etwa 1,7 Millionen Straßenkinder.
  • Zur Geschichte Indonesiens:
  • Bereits vor 1,8 Millionen Jahren waren die Inseln besiedelt. In den Jahrhunderten nach Christus entstanden Königreiche, denen Reichtum dem Handel entsprang: besonders dem Handel mit indonesischen Gewürzen! Irgendwann entdeckten portugiesische Seefahrer die wunderbaren Inseln, aber vorherrschende Kolonialmacht wurde 1600 nChr. Holland. Bis ins 20. Jhd. hinein. Dann versucht Japan, die holländische Kolonie zu erobern. 1945 rief Indonesien unter dem Anführer Sukarno aber seine Unabhängigkeit aus. Holland musste sich zurückziehen. Und Japan kapitulierte.
  • Am 30. September 1968 kam es zu einem Putschversuch von Teilen des Militärs. Der rechtsgerichtete General Suharto schlug den Aufstand nieder und erklärte, die kommunistische Partei sei schuld an dem Putsch. Mit dieser Lüge begannen ein Massaker und eine Verfolgung von Kommunisten und deren Freunden und Familien und der chinesischen Minderheit, denen laut Amnesty International eine Millionen Menschen zum Opfer fielen.
  • Erst nach der Wirtschaftskrise 1998 kam es zu Protesten, besonders der Studenten. Die Gewalt erreichte ihren Höhepunkt in den Tagen vom 12. bis zum 14. Mai 1998 in Jakarta. Schließlich musste Suharto zurücktreten. 1999 wurde zum ersten Mal ein Staatspräsident frei gewählt.
  • Um die Meinungsfreiheit wird aber auch nach dem Ende der Herrschaft Suhartos nach wie vor gerungen.

 

Wie nähert man sich einem Land an, das man nicht kennt und in das man auch nicht einfach mal eben so rüber hopsen kann? Ich würde sagen: Lies ein Buch von einem Schriftsteller dieses Landes. Dann lernst du zwar nicht das ganze Land kennen, aber du wirst zumindest einen ersten Einblick bekommen, aus einer Perspektive. Und wenn diese dich neugierig macht, dann lies noch ein weiteres Buch, von einem anderen Schriftsteller. Nun gibt es ja eine Menge Arten von Büchern: Reiseführer. Sachbücher. Kinderbücher. Märchenbücher. Romane. Gedichte.  Und dann zu ganz verschiedenen Themen: Flora und Fauna. Geschichte und Politik. Als ich auf der Liste der empfohlenen Neuerscheinungen indonesischer Literatur nach einem Buch suchte, stand viel zur Auswahl: Die Geschichte über einen armen Bauernjungen, der endlich eine Schule besuchen darf. Die Geschichte einer Tänzerin. Ein Wälzer über vier Generationen Frauenschicksal im hinduistischen Umfeld. Auseinandersetzungen mit dem Islam.

Ich recherchierte und schmökerte in den Kurzbeschreibungen. Und mir wurde beim Überfliegen der Titel klar: Ich werde ein Buch auswählen, zu dem ich eine Verbindung aufbauen kann, weil es eine Gemeinsamkeit zwischen der Geschichte und mir gibt. Daher wählte ich das Buch Pulang – Heimkehr nach Jakarta. Weil die Geschichte zum Teil in Europa spielt. Und weil der Held Literatur studiert hat. So wie ich auch. Und darum besteht für mich ein Anknüpfungspunkt.

Wenn wir uns einer anderen Kultur annähern wollen, dann lasst uns in dem ganzen Gewirr nach einem Faden suchen, an dem wir anknüpfen können.

Ich fing an zu lesen.

„Die Nacht war hereingebrochen, ohne Wenn und Aber. Als hätte sich ein schwarzes Wurfnetz über Jakarta gelegt, oder als hätte sich die Tinte eines Riesenkraken über das gesamte Stadtgebiet ergossen. Undurchdringlich wie die Zukunft, die ich nicht vorausahnen konnte…“

Da war ich. Mit einer mir noch unbekannten  Person in den Räumen einer Nachrichtenredaktion in Jarkata, der Hauptstadt Indonesiens. Und wenige Seiten später befinde ich mich in Gesellschaft zweier junger Menschen – einer französischen Studentin und einem Asylanten aus Indonesien, die sich gerade zum ersten Mal in Paris begegnen. „Eigentlich sollten wir eine Tasse Luwak-Kaffee trinken“, sagt der junge Mann und ich lese in seinen Gedanken: „Da war es, ich hatte eines der gefährlichen Wörter ausgesprochen. In meinem erbärmlichen Zustand und mitten in Europa sollte ich mit meinen Äußerungen über etwas Exotisches, das ich vermisste, vorsichtiger sein. Eine solche Äußerung konnte ein Beben in meinem Innern auslösen. Ich sollte Indonesien und alles, was damit in Verbindung stand, fest einschließen und vergraben. Und sei es nur vorübergehend. Ich musste in der Lage sein, mein Leben weiterzuleben.“

Noch weiß ich als Leserin nicht sehr viel. Aber diese Gedanken erinnern mich natürlich an die aktuelle Situation in unserem Land, in das zurzeit so viele Flüchtlinge strömen. Und neben all den Schwierigkeiten der Verwaltung und Organisation und neben all den Fragen, ob es gelingt, das diese Menschen nicht nur in unserem Land, sondern auch in unserem Wertsystem ihren Platz finden – da sehe ich mit einem Mal auch das Heimweh, das diese Menschen begleitet. Vielleicht ihr Leben lang.

Und mir fällt der kluge Satz ein: „Urteile nicht über den anderen, bevor du nicht eine Meile in seinen Mokassins belaufen bist.“ Zuhören, kennen lernen, sich in den anderen hinein versetzen. Die Welt mit seinen Augen sehen.

Und dann begleite ich beim Lesen diesen Asylanten namens Dimas auf seinen Wegen. Auch auf seinem Weg in die Küche. Denn Dimas ist ein begnadeter koch indonesischen Essens.

„Flink zerkleinerte ich die Zwiebeln und den Knoblauch, schnitt das Gemüse und das Hühnerfleisch in mundgerechte Stücke. In einer Glasflasche bewahrte ich Minyak Jelantah auf, das war Öl, das bereits einmal zum Braten verwendet worden kann. Ich entnahm einen guten Schuss dieses Öls und rührte damit die Gewürze an. Dieses Öl war das Geheimnis meiner Gewürzzubereitung: gesundheitlich vielleicht nicht ganz unbedenklich, aber sie ließ jedem das Wasser im Mund zusammen laufen.“

Und mir läuft beim Lesen auch das Wasser im Mund zusammen. Und ich denke: Ich sollte einmal indonesisch essen gehen!

Fremdes Essen probieren. Den Duft fremder Gewürze einatmen. Ein anderes Land schmecken. Eine andere Kultur verkosten. Das ist schon immer ein guter und gesegneter Weg gewesen, Grenzen zu überwinden und in die Lebenswelt des anderen einzutauchen. Ich bin sehr froh darüber, dass ich als Deutsche nicht nur auf Eisbein mit Sauerkraut und als Nordhessin auf Aale Wurscht angewiesen bin. Obwohl auch aale Woscht wirklich gut schmeckt!

Wenn wir uns mit anderen Kulturen beschäftigen, werden wir natürlich auch auf Dinge stoßen, die wir ablehnen. In meinem Buch taucht eine indonesische Heldengestalt auf. Ekalaya ist ihr Name. Ein Bogenschütze. Der beste Bogenschütze der Welt. Und als er sich bei seinem Meister für den Unterricht bedankt und – wie üblich – diesem eine Dankesgabe überreichen will – da fordert sein Meister von ihm zum Dank seinen rechten Daumen. Und das hieß, dass Ekalaya von jetzt an nie wieder ein guter Bogenschütze sein würde. Wie reagiert Ekalaya auf diese Forderung? Protestiert er? Tötet er seinen Meister? Setzt er sich für sein Recht und das Recht aller Unterdrückten ein? Nein. Voller Freude tut er, was sein Meister von ihm verlangt.

Das irritiert mich. Gibt es hier keinen zivilen Ungehorsam? Gibt es hier keine Vernunft? Keine Gerechtigkeit?

Aber dann denke ich an die jüngste Geschichte unseres deutschen Volkes zurück. Menschen, die voller Überzeugung und Hingabe dem sogenannten Führer ihr Leben und das Leben ihrer Kinder opferten. Und sich dabei sicher waren, das richtige zu tun.

Kann ein Mensch geläutert werden, sein Denken erneuern? Ich glaube ja.

Kann eine Gesellschaft geläutert werden, ihr Denken erneuern, andere Werte setzen? Ich glaube ja.

Aber es ist oft ein schmerzvoller Weg bis dahin.

Die Tochter meines Helden im Buch reist als erwachsene Frau von Frankreich aus nach Indonesien, um dort einen Dokumentarfilm zu drehen. Sie taucht dabei ein in die Schrecken der Jahre nach 1968 unter der Herrschaft Suhartos ein. Sie hört den Menschen zu, die inhaftiert und gefoltert wurden – weil sie mit politisch Andersdenkenden  befreundet waren. Weil sie Verwandte hatten, die aus politischen Gründen fliehen mussten. Weil man Schuldige brauchte. Die Wahrheit wurde in Indonesien jahrzehntelang mit Lügen übertüncht. Und erst 1998 kam es endlich zu den Protesten, die den Rücktritt des Herrschers Suharto auslösten. Proteste gegen die erhöhten Benzinpreise – und für die Meinungsfreiheit. Aber obwohl sich in Indonesien seitdem viel getan hat, mahnt Amnesty International nach wie vor: Denn immer noch und immer wieder kommt es zu Maßnahmen und Ausschreitungen gegen Andersdenkende.

Und ebenso erschreckend ist es, wenn in unserem Land, in Deutschland, gegen Menschen gehetzt wird. Wenn gegen Menschen Gewalt angewendet wird, weil sie einer anderen Meinung sind. Einer anderen Kultur angehören. Einen anderen Gott verehren. Eine andere Sprache sprechen. Und da ist es mir einerlei, auf welcher Seite die Hetzer zu finden sind. Ob es muslimische Flüchtlinge sind, die christliche Mitflüchtende über Bord werfen. Oder ob es rechtsradikale Deutsche sind, die einen Dunkelhäutigen niederstechen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Lasst uns immer nach menschenwürdigen Wegen suchen, diese wunderbare Erde, diesen Kontinent, dieses Land miteinander zu bewohnen.

Die Reise meines Helden Dimas ist zu Ende gegangen. Mit seiner Tochter sitze ich an seinem Grab und lese: „Der Abend senkte sich langsam, als würde er uns noch ein wenig mehr Zeit lassen, um bei meinem Vater bleiben zu können, bevor die Dunkelheit endgültig hereinbrach. Ich wusste nicht mehr, ob ich auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris oder auf Karet in Indonesien war. Aber eins wusste ich sicher: Papa lächelte von fern. Er war glücklich, weil er – mit uns allen an seiner Seite – heimgekehrt war.“

„Die Meinungsfreiheit ist ein universales Menschenrecht“, bekräftigt Salman Rushdie in seiner Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Menschen sind Sprachwesen, sie erzählen einander ihre Geschichten. Das ist ihre menschliche Natur. Darum, so Salman Rushdie, müssen die Zungen der Sprache frei sein“ – und „ohne die Meinungsfreiheit gibt es keine anderen Freiheiten.“ (FR online)

Und wer jetzt Lust auf indonesische Literatur bekommen hat, kann gerne mal in meine Ausgabe hineinschauen. Oder sich am besten gleich das Buch besorgen. Es lohnt sich!

Drachenträumer. Roman für Kinder (Leseprobe)

Drachenträumer. Roman für Kinder

Leo liebt Drachen. Er weiß alles über sie. Und dass es in Wirklichkeit keine Drachen gibt, ist seine größte Traurigkeit. An einem Wintermorgen kann Leo nicht zur Schule gehen. Er ist erkältet. Und während er im Bett liegt und aus dem Dachfenster schaut, passiert es: Aus einer dicken Regenwolke springt ein Drache hervor! Ein echter Drache. Und er bleibt nicht der einzige. Leo kann Drachen erwecken! Aus Wolken, Rauch, Wind und Schneegestöber. Seiner besten Freundin Katharina erzählt er davon. Sie glaubt ihm, im Gegensatz zu seiner Schwester Emmi-Jane.

Eines Nachts klopft etwas an Leos Fenster. Es sind die Drachen. Sie sind in großer Gefahr. Der schreckliche Sternendrache wurde erweckt. Und die Spuren führen zu Leo.

Für Leo beginnt eine abenteuerliche Reise. Auf dem Rücken eines Drachen. Nach Norden. Zum Polarlicht. Ob Leo den Drachen helfen kann? Zum Glück bleibt Leo nicht allein. Katharina und Emmi-Jane folgen ihm, auf dem Rücken eines geflügelten Einhorns…

Für Kinder ab 8 Jahre.

Noch nicht erschienen.

Leseprobe

Eines Nachts klopfte etwas an mein Fenster. Es war ein Drache! Du willst wissen, wie es dazu kam? Hier ist meine Geschichte. Aber sie ist nichts für schwache Nerven.

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Ich bin Leo. Leo Voss. Ich bin elf Jahre alt. Und ich liebe Drachen. Über alles. Ich habe alle Bücher gelesen, in denen Drachen vorkommen. Und natürlich alle Filme geschaut. Jeden Monat liegt in unserem Supermarkt eine neue Zeitschrift über Drachen. Die kaufe ich mir. Jedes Mal. Von meinem Taschengeld. Es ist erstaunlich, dass ich dort immer wieder Neues über Drachen lernen kann. Wenn du mich fragst, welche meine Lieblingsdrachen sind, muss ich erst mal fragen: Aus welcher Geschichte? Denn es gibt wirklich viele Drachen.

Hier sind meine Favoriten: Aus der Film „Drachenzähmen leicht gemacht“ sind es Ohnezahn (der von Hicks gezähmte Drache), Skrill (ungezähmt) und Schneegeist (ebenfalls nicht gezähmt). Aus dem Buch „Eragon“ sind es Shuckran (der Drache des bösen Galbatorix), Dorn (der Drache von Murtgh) und Saphira (die Drachin von Eragon). Das sind meine Lieblingsdrachen. Und ich würde alles dafür geben, einem davon wirklich und ganz in echt zu begegnen.

Aber das geht nicht. Und das ist meine größte Traurigkeit: Es gibt keine Drachen.

Ich habe aber noch eine zweite größte Traurigkeit: Ich kann nicht fliegen.

Mein Papa ist Segelflieger, und ich bin schon gelegentlich mit ihm geflogen. Das ist wirklich toll, und wenn ich 14 Jahre alt bin, will ich selbst den Segelflugschein machen.

Aber das ist natürlich etwas ganz anderes, als wirklich selbst fliegen zu können. Ohne ein Flugzeug. Ohne Start- und Landebahn. Ohne dafür eine Menge Geld zu bezahlen. Einfach fliegen zu können. Das wäre schön.

Neulich habe ich mit meiner Mum darüber gesprochen. Sie legt sich abends zuweilen noch zu mir (das möchte ich so, auch wenn ich schon elf bin. Ich finde, abends im Bett kann man echt gut reden).

Ich habe ihr von meinen zwei größten Traurigkeiten erzählt. Und sie hat nicht gelacht und gesagt: „Ach Leo, so ist das halt. Drachen gibt es nicht, und Fliegen kann man auch nicht. Viel wichtiger ist: Hast du die Englischvokabeln für morgen gelernt? Du schreibst doch eine Arbeit, oder?“

Wenn sie in solchen Momenten so was sagen würde, dann wären unsere Gute-Nacht-Gespräche aber ganz schnell beendet. Nein, sie sagte: „Ach Leo, das verstehe ich gut. Ich wünschte auch, es gäbe Drachen. Und ich wünschte auch, ich könnte fliegen.“

Da war ich irgendwie erleichtert.

Und dann erzählte sie mir, wie es ihr ging, als sie ein Kind war. Da hat sie oft nachts vom Fliegen geträumt. So real, dass sie am nächsten Morgen nicht wusste, ob es ein Traum oder Wirklichkeit gewesen war. Sie hat in der Straße, in der sie wohnte (eine Sackgasse) hinten auf dem Wendeplatz ihre Startposition eingenommen. Dann ist sie losgerannt, mit weit ausgebreiteten Armen. Und spätestens vor ihrem Haus ist sie vom Asphalt abgehoben und dann direkt hinein geflogen in den Sonnenuntergang. Und dann flog sie, solange sie wollte.

„Das Problem damals“, erklärte sie mir, „war der Start. Wenn der einmal gemeistert war, war der Rest ein Kinderspiel.“

Ich schwieg eine Weile. Dann fragte ich sie, ob sie heute auch noch manchmal vom Fliegen träume. Jetzt, wo sie erwachsen war. Und sie sagte: „Ja. Aber anders. Als Kind war die größte Herausforderung der Start. Wenn ich jetzt vom Fliegen träume, ist das größte Problem, oben zu bleiben. Und davon träume ich dann.“

Als sie das sagte, hatte sie irgendwie eine seltsame Stimme. Und da wusste ich, dass auch meine Mum diese zweite größte Traurigkeit kennt. Ich nahm ihren Kopf zwischen meine Hände und küsste sie sanft auf die Stirn. Das tue ich manchmal und fühle mich dabei sehr groß, auch wenn ich körperlich gesehen eher noch ziemlich klein bin.

„Gute Nacht“, sagte ich zu meiner Mum, „du kannst jetzt schlafen gehen“.

Da lachte sie. Das klang sehr schön. „Na, vielen Dank, dass ich jetzt schlafen gehen darf“, erwiderte sie und stand auf. Wobei sie noch hinzufügte, dass mein Bett das gemütlichste im ganzen Haus sei. Dann gab sie mir auch einen Gute-Nacht-Kuss (auf die Wange) und verließ mein Zimmer.

Natürlich vergaß sie, die Tür zu schließen. Das hasse ich. Denn dann habe ich das Gefühl, nicht allein mit meinen Gedanken zu sein. Und wenn ich denke, will ich nicht gestört werden. Weder durch Licht, noch durch überflüssige Geräusche. Nachdem ich sie also ermahnt hatte, die Tür zu schließen – was sie auch tat – begann ich, noch einmal über meine erste große Traurigkeit nachzudenken. Drachen. Beziehungsweise eben keine Drachen. Dabei schaute ich aus dem Fenster.

Dazu muss ich etwas erklären, denn ohne dieses Fenster hätte die ganze Geschichte vermutlich niemals begonnen.

Mein Fenster ist nicht einfach irgendein Fenster. Es ist ein Dachfenster. Aber kein kleines, sondern ein richtig großes. Es nimmt fast die ganze Dachschräge ein, Länge mal Breite. Das liegt auch daran, dass mein Zimmer sehr klein ist. Mein gemütliches Bett ist antik, und es ist auch kürzer als die Betten von heute (sonst würde es auch nicht in mein Zimmer passen). Es gehörte meinem Urgroßvater, als der noch ein Kind war.

Wenn ich im Bett liege, dann ist über mir der Himmel. Nur die Fensterglasscheibe trennt uns voneinander. Mein Zimmer zeigt nach Nord-Osten. Ich kann abends zuweilen den Mond sehen, wenn er schon etwas höher gestiegen ist. Und bei klarem Himmel sehe ich die Sterne. Die Nordsterne unserer Milchstraße. Das ist wunderschön.

Ich stelle mir dann vor, dass die Sterne magische Punkte sind, die man mit einem Zauberstift verbinden muss. Und wenn man die richtigen Sterne miteinander verbindet, dann entsteht das Bild eines Drachen. Und dieser wird lebendig. Er stößt einen Feuerstrahl aus purem Sternenlicht aus, schlägt mit seinem Kometen-Drachen-Schwanz um sich und wischt dabei die kleineren Sterne in der Umgebung vom Nachthimmel, so dass sie als Sternschnuppen auf die Erde fallen. Dann breitet er seine von Sternenlicht glänzenden Drachenschwingen aus und fliegt davon, einfach davon…

So denke ich es mir.

Mit dem Finger fahre ich die Linien nach, die der Zauberstift malen würde. Die Sterne stehen still und starr, sie schimmern und funkeln. Ich sehe ganz genau die Drachenflügel, den starken Rücken, den gezackten Drachenschwanz, die Klauen und natürlich den Kopf des Drachen. Und über dem Kopf die drei kleinen Sterne. Ich verbinde sie mit einem Finger zu einer Krone. Einer Drachenkrone.

Wunderschön sieht er aus, mein Drache. Wunderschön glitzern die Sterne.

Aber sie bewegen sich nicht vom Fleck. Zumindest nicht so schnell, dass ich dabei zusehen kann. Die Erde dreht sich langsam. Zu langsam für mich.

Als ich vier Jahre alt war, so erzählt meine Mum, habe ich wohl einmal sehr geseufzt. Aus heiterem Himmel. Sie hat mich dann gefragt, was denn los wäre. Und ich habe noch einmal geseufzt und dann gesagt: „Ach, die Welt ist mir zu klein.“

So zumindest erzählt es meine Mum. Und ich muss sagen, ich sehe das heute noch so. Die Welt ist mir zu klein! Zu langweilig und zu öde. Ohne Drachen.

Ich wende mich ab von dem Sternendrachenbild am Himmel, drehe mich um und kuschele meinen Kopf in mein Kissen. Dann weine ich noch ein bisschen vor dem Einschlafen. Weil es keine Drachen gibt. Und ich sag mal so: Drachen, die es nicht gibt, sind ja wohl jede Träne wert.

Ich habe übrigens eine große Schwester. Sie heißt Emmi-Jane. Sie wird bald vierzehn Jahre alt. Und von ihr muss ich euch erzählen, weil sie in der Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Emmi-Jane kann nämlich etwas ganz Besonderes: Wenn man schlechte Laune hat, dann kann sie einem wieder gute Laune machen. Und wenn es ein Problem gibt, dann sieht sie nicht nur das Problem, sondern sie sieht die Lösung. Und darum kann man mit Emmi-Jane natürlich auch richtig viel Spaß haben. Nur eines stört mich.

Und das ist auch ein Grund dafür, dass die Geschichte fast schlecht ausgegangen wäre. Meiner Schwester mangelt es nämlich an Glauben.

Wenn ich zum Beispiel beim Abendessen zuhause erzähle, dass ich bei einem unserer Besuche bei Oma und Opa – ich weiß nicht mehr genau, wann das war – Wölfe gesehen habe, dann guckt sie mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und sagt in diesem ganz bestimmten Tonfall, so dass man sofort merkt, sie glaubt mir nicht: „Wööölfe. Aha.“ Und dabei zieht sie das „ö“ von „Wölfe“ in die Länge, und ich habe das Gefühl, ich muss jetzt sofort beweisen, dass ich die Wahrheit sage.

Es ist nämlich so: Mein Opa und meine Oma besitzen ein Grundstück, das ist eigentlich ein ganzes Tal. Es führt ein Wassergraben hindurch. Und gegen Abend kann man vom Balkon aus Tiere sehen, die aus dem Wald kommen oder sogar in unserem Tal zuhause sind: Rehe, ein Feldhase, eine Fuchsfamilie und zwei Bienenvölker. Ja, wirklich!

Und einmal, da bin ich mir ganz sicher, da habe ich – es war schon spät abends und fast dunkel – fünf Wölfegesehen. Sie kamen aus dem Gebüsch am Rand des Grundstücks. Sie jagten mit ihrer wilden Wolfsmähne und peitschenden Schwänzen durch das Tal und verschwanden auf der anderen Seite im Wald. Es ging alles rasend schnell. Ja, genau so war es. Ich bin mir ganz sicher. Das waren Wölfe. Und ich habe sie gesehen. Und dann schaut Emmi-Jane mich so schräg von der Seite an, runzelt die Stirn und sagt „Wööölfe. Aha.“

Und genau so ist es, wenn ich von Drachen rede. Erst findet sie es interessant, aber irgendwann sagt sie: „Ach, Leo, es gibt doch gar keine Drachen.“

Sie hat einfach keinen Glauben.

Ja, und dann ist sie wieder da: Meine große Traurigkeit.

Anders ist es mit meiner besten Freundin Katharina. Manchmal denke ich, Katharina ist die einzige, die mich wirklich versteht. Mit ihr teile ich meine Leidenschaft für Drachen. Sie spielt in dieser Geschichte ebenfalls eine ganz wichtige Rolle.

Katharina glaubt fest an Drachen. Auch wenn sie noch nie einen in echt gesehen hat. Sie hat, wie ich, alle Drachenbücher gelesen. Und sie hilft mir, mein Drachenbuch abzuschreiben. Ja, ich habe ein Buch über Drachen geschrieben. Genau wie einer meiner Helden aus einer Drachengeschichte.

Ich habe zu jedem Drachen, den ich kenne, eine Power-Point-Folie erstellt.. Auf dem Computer von Daddylot. So nenne ich meinen Papa.

Und das schreibe ich nun noch mal ab. Mit einem Füller und echter schwarzer Tinte. In ein Schreibbuch mit Ledereinband. Das sieht sehr edel und sehr alt aus. Und Drachen sind ja auch schon sehr alt. Daher finde ich, das passt besser als die Power-Point-Folien.

Und wenn Katharina mich besucht, schreibt sie eben auch mal eine Seite für mich ab. Das ist gut, denn mit der Hand zu schreiben, strengt sehr an, finde ich. Wir sind fast so etwas wie Geschwister. Drachengeschwister. Unser Zuhause ist der Wald, der an das kleine Dorf angrenzt, in dem wir beide wohnen. Im Wald haben Katharina und ich uns ein Versteck gebaut. Das kennt keiner außer uns. Und ich werde mich hüten, zu verraten, wie man dort hingelangt. Noch nicht mal meiner Schwester Emmi-Jane habe ich den Weg gezeigt.

Dort in unserem Versteck spielen wir, wir wären selbst Drachen. Katharina kann richtig gut spielen, dass sie fliegen kann. Sie läuft dann durch den Wald und schwenkt ihre Arme und ruft laut: „Ich bin ein Drache, ich kann fliegen! Ich kann fliegen! Schaut alle her, wie ich fliege! Schaut und staunt!“

Und dann schaue ich und staune. Sie macht das wirklich gut.

Meine Leidenschaft für Drachen ist nicht erst gestern entflammt. Ich verehre sie schon lange. Und ich wünschte, ich wünschte so sehr, ich würde eines Tages einem echten Drachen begegnen.

Ich bin da. Und ich bin mächtig.

Meine Schwingen sind lebende Hitze, die Zacken auf meinem Rücken aus stechendem Sternenglanz. Drei Sterne zieren die Krone, die ich trage.

Mein Drachenschwanz ist gewaltig. Wie ein Komet jage ich durch die unendlichen und eiskalten Weiten des Universums. Und bin doch nicht wie die kalten Brocken. Ich bin lebendiger Sternenwind. Mein Maul ist weit aufgerissen, und ich schlucke alles. Klein oder groß. Sternenstaub. Meteoriten. Asteroiden. Geröll. Monde. Planeten. Ich jage durch die Milchstraße und hinterlasse eine Spur von Finsternis und Leere. Denn ich nehme alles in mich auf.

Ich bin voll geballter Energie. Ich bin Zerstörung. Was ich speie, rast durch das Universum und findet sein Ziel. Immer.

Denn ich bin.

Der Junge hat mich erweckt. Er hat mich gesehen, aus weiter, weiter Ferne. Wie ich schlummerte. Eingesperrt, erstarrt im Funkeln der Sterne. In tiefem, tiefem Schlaf seit tausenden und aber tausenden von Jahren.

Doch nun bin ich wach und nicht mehr aufzuhalten. Mein Ziel steht mir klar vor Augen. Ich werde ihn finden. Und ich werde ihn vernichten. Ihn, den einzigen, die mir gefährlich werden kann.

(…)

 

Lust auf mehr? Einfach eine kurze Mail an: miriamkuellmer@aol.com

Gesunder Wettbewerb

Eine Wiederentdeckung der Ring-Parabel

Neulich ist mir mal wieder Lessings Ring-Parabel durch den Kopf gegangen. Anlass: Ich unterrichtete an einem Gymnasium Religion, und Thema des Unterrichts waren die Weltreligionen.

In der Klassenarbeit stellte ich die Frage: Wäre eine Welt ohne Religion besser? Und Bezug nehmen sollten die Kids der siebten Klasse dabei auf das schöne Lied von John Lennon “Imagine“. Stell dir vor, es gäbe weder Himmel noch Hölle. Keine Religion.

Eine Schülerin schrieb: Das wäre doch langweilig! Keine Religion. Keine verschiedenen Kulturen. Alle Menschen wären nur ein Volk und würden alle das gleiche auf die gleiche Art leben, feiern, glauben, blöd finden… Keine Vielfalt. Wie öde! Außerdem muss sich dann niemand mehr anstrengen, um die anderen davon zu überzeugen, dass der eigene Glaube gut ist.

Interessanter Gedanke… und dann fiel mir die Geschichte vom Ring ein. Von dem einen Ring, dem echten, dem wahren. Den der Vater von Generation zu Generation jeweils an seinen liebsten Sohn weitergibt. So lässt es der Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing den Propheten Nathan erzählen, und zwar dem Sultan. Der will nämlich wissen, welche der drei großen Weltreligionen die richtige ist: Judentum, Christentum oder Islam.

Und Nathan der Weise antwortet mit einer Geschichte über einen Vater und seine drei Söhne. Soll heißen: Über den einen Gott und seine drei monotheistischen (das heißt: es gibt nur einen Gott) Religionen.

Ja nun, sagt Nathan, stell dir vor, da ist ein Vater mit drei Söhnen. Er liebt sie alle gleich. Aber er hat nur einen einzigen Ring. Einen Ring mit besonderer Macht: Der Ring besitzt die Wunderkraft, beliebt zu machen, bei Gott und Menschen angenehm.

Wow! Der Ring sorgt dafür, dass sein Träger bei allen beliebt ist! Ja, und diesen einen Ring soll der Sohn erhalten, der dem Vater der liebste ist, der ihm gehorsam ist, der ihm ehesten entspricht. Der soll sein rechtmäßiger Erbe, Ringträger und Segensträger sein.

Nun sind dem Vater aber alle drei Söhne gleichermaßen lieb. Was tun?

Der Vater lässt zwei weitere Ringe anfertigen, die dem einen vollkommen gleichen. Dann mischt er sie, so dass er sie selber nicht mehr unterscheiden kann, und ruft der Reihe nach seine Söhne zu sich. Jedem von ihnen gibt er den einen Ring.

Geschickt! Denn woran erkennt man den richtigen Ring?

Daran, dass sein Träger bei allen beliebt ist!

Sprich: Jeder Sohn wird alles dafür tun, um bei den Menschen beliebt zu sein. Um sich auf diese Weise als der wahre Ringträger zu entpuppen.

Und: Die Menschen in der Umgebung werden den echten Ring daran erkennen, welcher der drei Söhne gut, gerecht und freundlich ist. Entweder, weil er wirklich magisch ist, oder weil seine Wunderkraft darin besteht, das Verhalten der Menschen zum Guten hin zu verändern und zu motivieren. Wer das kann, einen Menschen zum Tun des Guten hin zu verändern und zu motivieren – also ich würde sagen, das grenzt doch durchaus an ein Wunder.

Und so handeln die drei Söhne von jetzt an, so gut sie nur können, auf verschiedene und individuelle Weise. Und bestenfalls erfüllen sie ihren Job so gut, dass man bis zum Ende ihrer Zeit nicht mit Sicherheit sagen kann: Dieser ist der beste. Dieser trägt den echten Ring. Dieser ist in Wahrheit der rechtmäßige Erbe des Vaters.

Das nenne ich mal einen gesunden Wettbewerb. Gesund, weil die Welt durch ihn gesund wird. Heil. Weil er den Menschen und der Welt zum Guten dient.

Leider gibt es unter den Religionen auch einen sehr ungesunden Wettbewerb. Und ein Paradebeispiel dafür finde ich – auch das noch! – in der Bibel.

Elia, ein Prophet Jahwes (des Gottes von Israel), ist im Klintsch mit König Ahab. Dieser König nämlich dient nicht nur dem Gott Israels, sondern auch dem Gott Baal. Und seine Frau, die Königin, die ausschließlich dem Baal dient, wollte die Propheten Jahwes töten lassen. Sie wollte sie ausrotten! Weg mit dieser Religion! Einige konnten sich zum Glück verstecken…

Ja, und nun regnet es nicht mehr. Das ist die Strafe Gottes. Welches Gottes? Jahwes? Oder Baals?

König Ahab sagt, an der Trockenheit sei der Prophet Elia schuld. Elia sagt, an der Trockenheit sei König Ahab schuld.

Und dann reicht es Elia. Er fordert die 450 Baals-Propheten zum Wettkampf heraus. Welcher Gott kann Feuer vom Himmel werfen? Der soll dann als der wahre Gott gelten.

Es werden zwei Altäre gebaut. Einer für Baal, einer für Jahwe.

Und dann geht´s los. Die Baalspriester schlachten einen Stier und legen ihn auf das Holz. Dann tanzen sie um den Altar herum, sie ritzen sich ihre Haut blutig und beschwören ihren Gott, er möge das Holz in Brand stecken. Aber nichts passiert.

Dann ist Elia dran. Er richtet ebenfalls Holzscheite auf. Zerstückelt einen Stier, legt die Stücke aufs Holz. Lässt noch mal ordentlich Wasser darüber gießen, und dann betet er kurz: Lieber Gott, zeig deine Macht. Und – zusch! – fällt ein Blitz vom Himmel, und der Altar steht in Flammen.

Der Gott Israels hat gewonnen.

Ist die Sache damit geklärt? Nein!

Denn Elia ist jetzt erst so richtig in Fahrt gekommen. Das Adrenalin in seinem Blut ist überdosiert. Er lässt alle 450 Propheten Baals gefangen nehmen und bringt sie eigenhändig um.

Kurze Zeit später regnet es.

Ich weiß, diese Geschichte aus dem Alten Testament ist um vieles älter als die Ring-Parabel des aufklärerischen Schriftstellers Gotthold Ephraim Lessing. Daher muss man die Geschichten in ihrem zeitlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld sehen und darf sie nicht über einen Kamm scheren.

Aber mir kommt es zuweilen so vor, als würden eine Menge Menschen an einem Wettkampf der Religionen und Kulturen teilnehmen, der auf ähnlich ungesunde und zerstörerische Methoden zurückgreift wie damals Elia und Ahab. Anstatt auf gesunde Methoden (ja, ich finde, es gibt gesunden Wettbewerb) wie Nathan der Weise.

Warum nur? Geht es nicht anders? Muss immer gleich Feuer vom Himmel fallen? Muss immer erst alles explodieren und verbrennen? Bevor der Regen fällt?

Ich glaube nicht. Ich will so nicht glauben. Ich will anders glauben. Ich will die Kulturen und mit ihnen die Religionen in Vielfalt und in gesundem Wettbewerb erleben. Wie öde wäre die Welt, wenn alles eins und alles gleich wäre!

Warum nicht nebeneinander? Und dann wird sich im Laufe der Zeit zeigen, welcher Ring der echte ist. Oder es wird sich bis zum Ende aller Zeiten die Waage halten. Weil alle gleichermaßen gut und beliebt sind. Das wäre doch der Hammer! Das wäre doch vor allem für eines der Beweis: Dass Gott (welchen Namen auch immer er trägt) allen zutraut, sich durch Güte und Freundlichkeit als die beste Religion zu erweisen.

Verbitterte Menschen

Verbitterte Menschen
errichten um sich herum eine Mauer.
Sie bauen ihr eigenes Gefängnis.
Schließen sich ein:
Mit diesem Menschen rede ich kein Wort mehr.
In diese Firma setze ich keinen Fuß mehr.
Für diesen Laden mache ich keinen Finger mehr krumm.
Diesem Gott vertraue ich mich nicht mehr an.
 
Wie ein kleines Kind:
Jetzt halte ich die Luft an, bis ich tot bin,
und dann hast du dein Pech!
 
Bewegungslos.
Verhärtet.
Unantastbar.
Und so traurig.
 
Verbitterte Menschen
geben dem Leben keine Chance,
sie noch einmal glücklich zu machen.

Ach Gott, der Sommer…

Ach, Gott!

Nun ist der Sommer schon wieder vorbei.

Das ging so schnell, denken die einen, deren Alltag gefüllt ist mit Arbeit und Schaffen, mit Denken und Planen, mit Agieren und Reagieren.

Der Sommer ist vorbei, denken andere und fragen sich: Ob es wohl mein letzter Sommer war?

Der Sommer ist vorbei, hören die Kinder. Na und? Dann genießen wir eben den Herbst!

Der Sommer ist vorbei? Fragen sich ein paar von uns, und haben vor lauter Sorge gar nicht gemerkt, dass Sommer war.

Der Sommer ist vorbei, lächeln einige, erfüllt mit Dank und mit der noch jungen Erinnerung an wunderbare Tage.

„Solange die Erde besteht, soll nicht aufhören: Saat und Ernte. Frost und Hitze. Sommer und Winter. Tag und Nacht.“

Das hast du, Gott, zugesagt.

Und so leben wir geborgen in Zeit und Raum, in deiner Treue und Gegenwart.

Berühre uns, und erfülle uns mit deinem heiligen Geist.

Amen.